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Schaufenster vom Bücherladen Appenzell; Foto: Bettina Schnerr

Lesen im Schaufenster

In Bookster-Kreisen ist es quasi schon gängige Praxis, sich für ein paar Stunden im Buchladen einschließen zu lassen. Ganz was Besonderes hingegen ist es, im Schaufenster in aller Ruhe lesen zu können. Wer macht sich zu Versuchszwecken sofort auf den Weg? Klar doch, das mache ich!

Das Angebot fand ich auf Instagram: Den ganzen November über darf man sich jeden Nachmittag für jeweils eine halbe Stunde ins Fenster setzen und lesen. Ausreichend Lesefuttter versprach der Bücherladen Appenzell auch gleich. Da kann man wirklich nicht lange fackeln, fand ich und kümmerte mich umgehend um einen Platz auf dem Sessel.

Der erste Buchladen des Kantons

Die Gemeinde Appenzell ist ein kleiner Ort. Die meisten Menschen verbinden die Gegend mit schönen Hausfassaden, großartigen Käseschnitten und einer wunderbaren Landschaft für Wanderungen. Der kleine Kanton Appenzell Innerrhoden und sein Hauptort bringen es jährlich auf locker 150.000 Übernachtungen von Touristen, Tagesausflügler nicht eingerechnet. Dabei hat der Kanton selber etwa nur 16.000 Einwohner, der Hauptort Appenzell etwa 5.700.

Was zu sehen, zu tun und zu erleben gab es also schon immer. Nur zu lesen gab es nichts, außer der Tageszeitung. Das änderte sich 1992. Die findige Carol Forster entdeckte die Lücke im Geschäftsangebot und gründete kurzerhand den Buchladen — für so ein kleines Einzugsgebiet eine ganz schön mutige Entscheidung. Aber sie hat sich gelohnt und heute ist der Laden “der erste Buchladen des Kantons” (und auch der einzige). Um so einen Laden am Laufen zu halten, muss man aktiv sein. Sicher noch einen Tick aktiver als ein Laden, der mit mehr Laufkundschaft rechnen kann oder der ein größeres Einzugsgebiet sein Eigen nennt.

Leseecke mit Aussicht

Lesen im Schaufenster beim Bücherladen Appenzell; Foto: Melina Cajochen

Eine Variante dafür ist es also, lesebegeisterte Menschen ins Schaufenster zu setzen. Tatsächlich entpuppt sich die Ecke als richtig gemütlich. Genau vor mir stapeln sich Unmengen an Buchvorschlägen, der Sessel passt genau auf die kleine Empore hinter dem Fenster. Die Beschriftung des Schaufensters schirmt ein bisschen nach außen ab, ohne die Sicht auf den Marktplatz zu nehmen und zugleich bilden zwei Drehgestelle voller Taschenbücher einen kleinen Blickschutz nach innen.

Ich entscheide mich für ein Buch von David Signer und lese los. Passend zu meinem Vorhaben sind es Kurzgeschichten, sodass ich nach einer halben Stunde gut aussteigen kann. Derweil läuft das Geschäft im Laden weiter. Heute hat Melina Cajochen Dienst, die mir hinterher erzählt, dass sie die Menschen auf dem Marktplatz zwischendurch beobachtet hat, wenn die einen Blick ins Schaufenster riskierten: “Die meisten haben erst gestaunt, dann gelächelt. Ich glaube, die fanden das cool.” So stelle ich mir die richtige Reaktion auf Lesen auch vor und als Werbefigur für das Lesen mache ich mich offenbar ganz präsentabel.

Was macht der Traktor am Buchladen?

Während ich nach meiner Schaufensterlesung noch im Laden stöbere, bin ich nicht alleine. Eine junge Spanierin sucht ebenfalls; sie braucht einen Sprachkurs. Den gibt’s gerade nicht vor Ort, also wird er bestellt. Als beim Austausch der Adresse auffällt, wo sie wohnt, bietet ihr Cajochen umgehend einen Lieferservice an. Den übernimmt in Appenzell aber nicht unbedingt die Post. Hier kommt ein roter Traktor ins Spiel.

Bücherladen Appenzell; Foto: Bettina SchnerrSelbst kleine Orte mit wenigen hundert Einwohnern haben, jedenfalls in der Schweiz, einen kleinen Supermarkt für die wichtigsten Produkte von Mehl bis Erbsen und Packetschnur bis Allzweckreiniger. Es gibt kleine Bäckereien und Beizen. Dort treffen sich die Leute, man kennt sich und der Kontakt hält die Dörfer lebendig. Für sieben umliegende Gemeinden arbeitet der Bücherladen mit solchen Treffpunkten zusammen. Werden Bücher in Appenzell bestellt, liefern Forster, Cajochen und die Kolleginnen zwei Mal pro Woche die bestellten Bücher dorthin. Der Sprachkurs wird nach seinem Eintreffen also auch den Weg in eines der Dörfer finden, wo ihn die Kundin praktisch am Wohnort abholen kann. Das ist allemal persönlicher als ein Paket im Milchkasten.

Zugegeben, der schicke, rote Oldtimer von Bucher aus den 1960ern kommt nur für die Werbefotos zum Einsatz. Aber er passt natürlich perfekt in die landwirtschaftlich geprägte Umgebung und die Grafikerin liebt ihn, weil sich aus dem Firmenschild “Bucher” auf der Kühlerhaube so schön “Bücherladen” auf den Fotos machen lässt – wer eine Karte in die Hand bekommt und genau hinschaut, entdeckt die Wortspielerei.

Bald ist wieder Frühling …

… in Appenzell. Wortwörtlich übrigens: Der so genannte “Kleine Frühling” ist das Buch- und Kulturfestival, das das Team vom Bücherladen alle zwei Jahre auf die Beine stellt. Anfang Juni 2019, rund um Pfingsten, ist es wieder so weit. So klein ist der Frühling übrigens gar nicht, wenn man sich das Programm von 2017 so anschaut: Unter anderem Raoul Schrott, Nora Gomringer oder Alex Capus gaben sich hier die Klinke in die Hand. Capus bekam von den Appenzellern deren Lieblingssätze aus seinem Buch “Das Leben ist gut” serviert, man konnte mit Klaus Merz spazieren gehen oder — wer lieber viel in kurzer Zeit hören wollte — stellte sich einen Literatur-Parcours zusammen.

Im Juni wird das Schaufenster ganz sicher normal bestückt sein, mit Buchtipps und Dekorationen. Es wird kein Sessel darin stehen; das gemütliche Stück wird wieder seinen regulären Platz gegenüber der Theke haben. Und trotzdem werde ich wiederkommen und freue mich auf ein Literaturtreffen inmitten eben dieser Architektur und eben jener Landschaft, wegen der es auch die Tagesausflügler und Touristen in den Ort zieht.


Übrigens: Carol Forster ist am 18.12.2018 im SRF Literaturclub zu Gast!

Die besprochenen Bücher bei Nicola Steiner, Raoul Schrott, Thomas Strässle und Forster:

  • Baron Wenckheims Rückkehr – Laszlo Krasznahorkai
  • Die Mittagsstunde – Dörte Hansen
  • Der Spass an der Sache – David Foster Wallace
  • Becoming – Michelle Obama

Fotos: Bettina Schnerr, Melina Cajochen

2 comments

  1. Erst dachte ich, dass ich das nie machen würde – im Schaufenster würde ich mich zu beobachtet fühlen. Aber wenn ich irgendwo in de Öffentlichkeit sitze und lese, in einem Café, auf einer Bank oder Sonstwo, dann habe ich ja auch überall Leute um mich rum. Und das sieht doch recht gemütlich aus. Nur die halbe Stunde würde mir nicht reichen.

    1. Ich wusste auch nicht, wie gut sich lesen lassen würde, aber es funktionierte prima! Es ist wohl, wie du sagst: Wenn man in der Öffentlichkeit liest, kann sowieso jeder zuschauen.

      Ich blende Vieles aus, wenn ich lese. Je besser ich in ein Buch rein komme, umso schneller geht das. Und so exponiert fühlte ich mich an dieser Stelle gar nicht. Von außen spiegelt die Glasfläche ein bisschen, da sind die Buchstaben drauf und jene, die geschaut haben, nahmen die lesende Frau offenbar ganz positiv auf. Es war wie Lesen am Fenster, nur war das Fenster ein bisschen größer 😉

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