Mieko Kanai – Leichter Schwindel

von Bettina Schnerr
3 Minuten Lesezeit
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Irgendwo im Tokyo der 1990er Jahre: Natsumi lebt mit ihrem Mann und den zwei Söhnen in einer Wohnung mit schöner Wohnküche. Lange wohnen sie hier wahrscheinlich noch nicht, denn noch sind die Söhne völlig begeistert vom kleinen Pool im Hof der Wohnanlage. Was passiert aber, wenn sie größer werden, sich für den Pool zu „groß“ fühlen und eigene Zimmer haben wollen? Mit einer vermeintlich kleinen Gedankenschleife beginnt der Roman und führt direkt in den Alltag und vor allem die Gedankenwelt von Natsumi. Sie ist Hausfrau, kümmert sich um die Familie, die Wohnung und die nachbarschaftlichen Beziehungen. „Leichter Schwindel“ folgt ihren Routinen und so scheint auf Anhieb nie etwas Besonderes zu passieren. Und doch transportiert die Alltäglichkeit so vieles gleichzeitig, dass einem schwindlig werden könnte.

Man merkt schnell: Hinter jedem noch so kleinen Geschehen könnte eine größere Geschichte stecken. Wie die der größer werdenden Jungs. Längst liegen in Natsumis Kopf kommende Probleme und Ideen bereit, sollte ihr Mann wegen getrennter Kinderzimmer das Arbeitszimmer aufgeben müssen. Sie weiß genau, welche Anschaffungen weggegeben werden müssen, wie das Sportgerät oder eine Videokamera, die ihr Mann aus einem gewissen „Mittelstandsbedürfnis“ heraus gekauft, aber nie richtig verwendet hatte. Auch weiß sie, welche Schränke kaum woanders hinpassen und um welche Habseligkeiten sie sich mehr Gedanken machen muss.

Charmante Eintönigkeit

Mieko Kanai erzählt treffend von Natsumis Leben. Ob sie mit ihrer Mutter shoppen geht, dem nachbarschaftlichen Tratsch pflichbewusst zuhört oder sich mit Schulfreundinnen verabredet: Was harmlos langweilig klingt, wird von der dichten Gedankenwelt Natsumis begleitet. Ein Mikrokosmos, in dem Natsumi hin und hergerissen ist zwischen kleinen Abweichungen und ihrem Ärger über die Eintönigkeit. Dabei findet der Roman für den Ablauf solcher Tage die richtige Form und Sprache, sodass das Lesen selbst gar nicht so eintönig wird.

Die Monotonie im Leben erzeugt den titelgebenden „leichten Schwindel“ und Natsumi scheint sich zu fragen, wohin sie das eigentlich führen wird. Doch so unvermittelt, wie der Roman in Natsumis Leben einsteigt, steigt er wieder aus. Das „Porträt einer Unsichtbaren“, wie Suhrkamp schreibt, bleibt eine Momentaufnahme, in der die Lesenden eine unspektakuläre Frau begleiten durften. So bedingungslos alltäglich, dass sich viele Leserinnen darin genau deshalb wiedererkennen dürften. So bedingungslos alltäglich, dass der Roman daran erinnert, wie viele persönliche Elemente hinter kleinen Momenten und Begegnungen verborgen sein können.

Unsichtbar, aber facettenreich

In so mancher Passage hat Kanai viel über das geschrieben, was wir heute als Mental Load kennen. Und so ereignislos das Vorstadtleben scheint, steckt die Anerkennung der Leistung von Frauen wie Natsumi im Text. Jedenfalls Anerkennung durch Kanai. Natsumi beherrscht zum Beispiel die perfekte Navigation im Supermarkt, was schrecklich klingt — und worüber sie sich ärgert —, was aber auch zeigt, dass der Einkauf eine Aufgabe ist, die eigentlich wie alle anderen funktioniert. Wer sich in seiner Aufgabe auskennt, erfüllt sie effizient, wird wenig abgelenkt und erhält am Ende ein gutes Ergebnis.

Die Anerkennung und das Ernstnehmen von Frauen funktioniert aber nicht wirklich. Dass Natsumi nicht so ganz zufrieden scheint, hängt meiner Meinung nach damit fest zusammen. Ein anderes Beispiel: Für eine Hausfrau ist es erstrebenswert, sich ein Hobby zuzulegen, notiert Natsumi zwischenzeitlich. Gemeint sind aber nicht Lesen oder Fitnessstudio. Es gilt vor allem dann, wenn es nicht für sich selbst ist, sondern anderen nützt. Einen Kimono-Anziehurs anbieten also, einen für Patchwork oder Blumenbinden. Doch selbst wenn die Frauen einen Party- oder Lieferservice aufziehen und sich damit vermutlich deutlich am Familieneinkommen beteiligen, bleibt es bloß ein „Hobby“.

Unwillkürlich tauchern Erinnerungen an „Die Ladenhüterin“ auf, in dem unausgesprochene berufliche Hierarchien thematisiert werden. Ob „Leichter Schwindel“ mit einem ähnlich feministischem Unterton angelegt war oder schlicht als Momentaufnahme im Leben einer Vorstadtehefrau und experimenteller als herkömmliche Romanstrukturen? Nicht „oder“, würde ich sagen. „Und“.

Eine Frau, die über dreißig Jahre lebt, ohne dass es zu etwas Dramatischem wie einer Affäre oder dem Versuch, sich unabhängig zu machen oder selbst zu verwirklichen, kommt, während sie ab und zu grübelt, unter diesem oder jenem leidet, ergriffen ist und Entdeckungen macht, wird mit der Zeit diesen leichten Schwindel verspüren, nicht so herausragend, nicht so einschneidend, dass er bis in die Tiefen ihrer Existenz oder ihrer Seele vordringt, sondern ein Moment ist, in dem sie das Gefühl für sich selbst oder die eigenen Erinnerungen als etwas Frisches oder Neues, aber Unersetzliches empfindet.

Mieko Kanai, im Nachwort zum Roman
Mieko Kanai - Leichter Schwindel

Bibliografische Angaben

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22556-1
Originaltitel: Karui memai (軽いめまい)
Erstveröffentlichung: 1997
Deutsche Erstausgabe: 2025
Übersetzung: Ursula Gräfe

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