Dr. Anton Kronberg wird zu einem Leichenfund gerufen, der Cholera-Symptome aufweist. Als führender Epidemiologe zieht ihn die Polizei zu Rate, um Schlimmeres zu verhindern. Am Fundort begegnet Kronberg Sherlock Holmes … und hat keinen blassen Schimmer, wer der komische Kauz ist, der ihm da zwischen den Füßen herumrennt und seltsame Kommentare abgibt.
Kronberg merkt allerdings schnell, was für ein heller Kopf hinter dem Kauz steckt: Dieser ausgezeichnete Beobachter hat innerhalb von Minuten herausgefunden, dass hinter Dr. Anton Kronberg in Wirklichkeit Anna Kronberg steckt. Obwohl Kronberg den Kauz wegen dieses Wissens und dessen merkwürdiger Art gerne loswerden würde, kommt sie nicht umhin, mit Holmes zusammen zu arbeiten. Denn die Polizei stört sich nicht an einem Cholera-Fall mehr oder weniger.
Die Leiche weist eindeutig eine Cholera-Infektion auf, trotzdem ist sie seltsam: Die Merkmale passen nicht zu einem typischen Infektionsverlauf. Bald taucht ein weiterer Todesfall auf, dessen Infektionsmerkmale nicht erklärbar sind. Kronberg und Holmes machen sich auf die Suche nach jemandem, der offensichtlich mit Absicht Menschen infiziert.
Eine ebenbürtige Partnerin
Wendeberg lässt zwei Figuren aufeinander los, die sich ebenbürtig sind: Wortgewandt, reaktionsschnell, analytisch, clever und schlagfertig. Beiden gelingt es, die Gedanken des anderen zu erahnen und darauf zu reagieren — was Anna manchmal offenbar ziemlich erschreckend findet, sie aber nicht daran hindert, dasselbe mit Holmes zu tun. Für die sehr direkten Persönlichkeitsanalysen kassiert Holmes von Anna schnell Ärger. Es dürfte möglicherweise der erste sein, denn ich glaube, Doyle lässt seine Figur in dieser Hinsicht ziemlich ungeschoren.

Anna ist für mich alles in allem eine stimmige Figur geworden. Über sie erfährt man Vieles über den damaligen Stand der medizinischen Forschung. Es gibt zwar einen Punkt in Annas Vergangenheit, der meiner Meinung nach eher effektheischend ankommt, aber das tut der Gesamtwirkung keinen Abbruch. Vielleicht ergibt es in Band 2 einen Sinn, denn Wendeberg verpasst dem Ende einen happigen Cliffhanger.
Ich habe gelesen, dass dem einen oder anderen Holmes-Puristen die Figur Holmes nicht ganz gelungen scheint. Aber das werfe ich nicht in die Waagschale, denn Wendeberg selbst bedankt sich dafür, dass ihr Sherlockiana-Manuskript unter den kritischen Blicken der Sherlock-Holmes-Gesellschaft nicht zusammenbrach. Was für einen besseren Kritiker als diese Gesellschaft kann man sich denken? Außerdem: Wenn Watson vergessen hat, die gemeinsamen Fälle mit Kronberg aufzuzeichnen, kann man das ja nicht Wendeberg anlasten, oder?
Bibliografische Angaben
Verlag: Annelie Wendeberg
ISBN: 978-1301320226
Erstveröffentlichung: 2012
