Die Ermittlungen von Kriminalinspektorin Clemencia Garises beginnen mit einem Desaster. Ein Mann stirbt im Kugelhagel eines Maschinengewehrs — in einem guten Wohnviertel, in dem regelmäßig ein Sicherheitsdienst patrouilliert. Garises wird erst über drei Stunden später zum Tatort gerufen, die Spurensicherung ist nicht erreichbar und die Polizisten vor Ort zeichnen sich weder durch Sachverstand noch Mitgefühl aus. Da hilft es wenig, dass Garises Fortbildungen in Europa besucht hat und beruflich fitter ist als die meisten ihrer Kollegen. Noch dazu ist sie eine Schwarze. Die Hinterbliebenen des ermordeten Abraham van Zyl zeigen von Beginn an, dass sie der Kommissarin weder trauen noch ihr etwas zutrauen.
Als herauskommt, dass van Zyl zu Apartheid-Zeiten beim CCB arbeitete, einer Organisation, die Anti-Apartheids-Aktivisten beseitigte, ahnt Garises, dass der Schlüssel zum Attentat in der Vergangenheit liegt. Doch ihr Chef Ndangi Oshivelo, der sonst große Stücke auf Garises hält, interessiert sich für die Teorie auch nach einem zweiten ermordeten CCB-Agenten nicht. Aber Garises bleibt dabei: Es scheint einen Zusammenhang zur Ermordung des populären und erfolgreichen weißen SWAPO-Anwalts Anton Lubowski anno 1989 geben. Bis Garises vernünftig ermitteln kann, verstreicht viel Zeit und der Mörder arbeitet schnell und präzise.
Rechenschaft ablegen für eine reale Vergangenheit
Was mich von Beginn an für „Die Stunde des Schakals“ eingenommen hat, ist die Einbindung der realen Ermordung Lubowskis. Diese ist bis heute ungeklärt. Verdachtsmomente gab und gibt es viele, Behinderungen bei der Ermittlung allerdings auch genügend. Jaumann spinnt um die Fakten herum eine Geschichte, die heute mit jenen Hintergründen durchaus stattfinden könnte. Die späte Rechenschaft mit denen, die damals dringend tatverdächtig waren, aber nie verurteilt wurden.

Zugleich erfahre ich einiges über das Namibia von heute. Garises ist für namibische Verhältnisse fast schon zu alt zum Heiraten und lebt mit ihren Familienmitglieder in einer Zwei-Zimmer-Hütte in Katutura, einem Vorort von Windhoek. Laut Wikipedia übersetzt sich das in den vielversprechenden Namen „Ort, an dem wir nicht leben möchten“. Besonders die zwei Tanten setzen Garises zu mit ihren Versuchen, sie unter die Haube zu bekommen und ihr Handy mit Beschlag zu belegen. Auch ansonsten ist das Leben eher von liebevollem Chaos, zumal Garises die einzige mit einem geregelten Einkommen ist und zu Hause nach zermürbenden Einsätzen wenig Ruhe findet.
„Die Stunde des Schakals“ ist eine sehr spannend geschriebene Story, mit einer gut durchdachten Handlung voller Finten und interessanten Charakteren. Sie erklärt Hintergründe, ohne mich mit Fakten zu erdrücken. Inzwischen weiß ich, dass Clemencia Garises bald einen zweiten Fall lösen soll und an diesen Ermittlungen möchte ich gerne wieder teilhaben.
Bibliografische Angaben
Verlag: Kindler
ISBN: 978-3-463-40569-8
Erstveröffentlichung: 2010
