Wegen eines Unfalls im Gravitationssystem stürzt die Erde in die Sonne zurück. Als die Wissenschaftler begreifen, was passiert ist, geht die Meldung rund um die Welt. Auch die Menschen rund um den Genfersee lesen in der Zeitung davon: Lange wird es nicht mehr dauern, bis die steigende Hitze das Leben zunichte macht. Doch zunächst können sie das Gehörte nicht begreifen. Alles, was sie sehen, ist schönes Wetter. Die Ernten sind gut, der Himmel ist herrlich blau. Da muss doch ein Missverständnis vorliegen, oder?
Hier bei uns hat man nicht viel Vorstellungskraft.
Schneller als erwartet, flößt ihnen die Hitze Angst ein. Es wird wärmer und wärmer, und die schnelle Gletscherschmelze sorgt für Überschwemmungen am Seeufer. Die Luft ist so diesig, dass man bald direkt in die immer größer werdende Sonne schauen kann. Während ein Ich-Erzähler versucht, die Natur noch einmal so zu sehen, wie sie Generationen vor ihm bewirtschaftet haben und mit ihr gelebt haben, bricht die soziale Ordnung um ihn herum zusammen. Die einen verursachen hemmungslos Randale, andere üben Selbstjustiz, und hoffen, sich dadurch irgendwie länger retten zu können als die anderen. Kleine Gemeinden kapseln sich ab und wer kann, hofft jeden Tag auf Abkühlung im ständig wärmer werdenden Genfersee. Während die Hitze immer mehr Todesopfer fordert.
Ramuz erzählt in kurzen Szenen, Bildern oder Episoden. Sie sind nicht bewusst aufeinanderfolgend aufgebaut. Vielmehr wirkt das Buch, als könne man wie in einem Wimmelbuch mal hier, mal da schauen, was die Menschen ansgesichts der Apokalypse treiben. Er verbindet die Szenen bewusst mit philosophisch anmutenden Überlegungen, was den Menschen von der Liebe bleibt, von Gemeinsamkeit, oder von Traditionen, die sich über viele Jahre gebildet und verfeinert haben.
Der Zerfall der Solidarität
Vier Stunden Untergangsstimmung – so lang in etwa ist die Hörbuchfassung von „Sturz in die Sonne“. Mit Patrick Imhof hat der Verlag einen Sprecher gefunden, der den letzten Tagen der Erde die richtige Stimme gibt. Nicht nur die Sprache des Romans selbst ist ein Faktor. Auch die Art, wie Imhof die distanzierte Erzählung transportiert, verleiht der dystopischen Science Fiction ihre besondere Wirkung.
„Climate Fiction“ hatte Ramuz nicht im Sinn, als er den Hitzesommer von 1921 literarisch zu einem größeren Katastrophenszenario ausbaute. Fast 100 Jahre später aber trifft der Roman unwissentlich einen Nerv. Der Grund für die Erderwärmung ist kein kosmischer Unfall, sondern ein menschengemachtes Problem, ein vermeidbares obendrein. Aber die Reaktionen auf die Klimakatastrophe sind dieselben, die Ramuz für eine Naturkatastrophe vorhergesehen hatte — und an dieser Stelle erkennen sich Leserinnen und Leser ungewollt in einer tagesaktuellen Situation wieder. Zuerst die großflächige Verleugnung, irgendwann die verspätete Erkenntnis und der nicht enden wollende Schrecken. Gefolgt von der Resignation vieler und einem Verhalten, als ob nun ohnehin alles egal sei.
Da die Erde allerdings nicht in wirklich die Sonne stürzt, gibt es zwischen den beiden Szenarien einen entscheidenden Unterschied, der auf der einen Seite beklemmend gut geschriebene Literatur ist, und auf der anderen Seite Chancen zulässt, die die Protagonisten bei Ramuz nicht hatten.
Linktipp: „Sturz in die Sonne“ als Hörspiel auf SRF (Sendetermin März 2025, Dauer ca. 55 Minuten)

Bibliografische Angaben
Verlag: Limmat
ISBN: 978-3-03926-055-3
Originaltitel: Présence de la Mort
Erstveröffentlichung: 1922
Deutsche Erstveröffentlichung: 2023
Übersetzung: Steven Wyss
Hörbuchfassung (2024), gekürzt, gelesen von Patrick Imhof
ISBN 978-3-03855-274-1
