Zu Besuch bei Heidi

von Bettina Schnerr
3 Minuten Lesezeit

Kann man sich eine Schweizer Literaturlandschaft ohne dieses fröhliche Mädchen vorstellen, das in Almwiesen herumspringt, einen jungen Ziegenhirten als besten Freund hat und einen knurrigen alten Almöhi gemütlich stimmt? Geradezu unmöglich! Ich bin immerhin mit Heidi als Zeichentrickserie groß geworden. Allerdings habe ich sehr viel später erst begriffen, dass mir ein japanischer Anime die kleine Schweizerin sympathisch gemacht hat. Wenngleich Heidi eine literarische Erfindung ist, gibt es ihren „Wohnort“ praktisch unverändert seit der Zeit, als das Buch 1879 erschienen ist. Was liegt also näher, als dort vorbeizuschauen?

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fußweg anfängt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fußweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Die ersten Sätze aus: „Heidis Lehr- und Wanderjahre“

Möglich macht’s das Heididorf in Maienfeld. Die Zürcher Autorin Johanna Spyri besuchte oft ihre Jugendfreundin Anna von Salis im benachbarten Jenins. Zu Fuß sind die Orte nur wenig mehr als eine halbe Stunde voneinander entfernt. Auf ihren Spaziergängen lernte sie einen kleinen Weiler oberhalb von Maienfeld kennen, der seit Ende der 1990er Jahre als Heididorf bekannt ist.

Bauernleben wie vor 150 Jahren

Kernstück des Gebäudeensembles ist das rund 300 Jahre alte Heidihaus. Anna von Salis machte Spyri mit der dort wohnenden Familie bekannt und deren Alltag wurde zum Vorbild für das Wohnen im Dorf. Heidi und Almöhi wären im Herbst von der Alm hier heruntergezogen und hätten den Winter in diesen Räumen verbracht. Obwohl die Menschen der Region bis weit ins 20. Jahrhundert Selbstversorger waren, fehlt dem heutigen Haus nur der dazu notwendige Bauerngarten. Das Hausinnere aber ist eine beeindruckend erhaltene Zeitkapsel, mit kleinen dunklen Räumen und schlichten Besitztümern. Einzelne Stationen erklären, wie aufwändig zum Beispiel das Waschen war. Andere Posten klären auf, wie viel Zeit die Beschaffung, Haltbarmachung oder Zubereitung von Speisen kostete.

Zum Heididorf gehört auch eine kleine Schule, in die sämtliche Kinder der näheren Umgebung gingen und in ein und demselben Klassenzimmer unterkamen. Ihr Lehrer wohnte (hier zumindest) direkt hinter dem Lehrerpult. Auch er, so gut es ging, ein Selbstversorger. Alte Schulhäuser haben daher alle einen Garten hinter dem Haus. Küche und Lagerkeller des Schulhauses sind mit Gerätschaften und künstlichen Lebensmitteln so hergerichtet, dass sie ein möglichst lebensnahes Bild zeigen. In der benachbarten Scheune zeigen Handwerkerinnen und Handwerker das Jahr über regelmäßig ihre Kunst, von Kräuterkenntnis über die Spinnerei bis zum Holzhandwerk.

Natürlich darf auch die Alphütte nicht fehlen. Als einziges Haus ist sie ein Nachbau. Das Original liegt weiter oben am Berg. Da diese Alm immer noch in Betrieb ist, kann man dort keine Räume besichtigen. Besuchen allerdings kann man sie – aber das ist ein Ausflug, den ich mir für einen anderen Tag aufhebe. Derweil zeigt sich im „Dorfladen“ des Heididorfs der Ticketshop. Und in dessen Obergeschoss zeigt eine Ausstellung die Geschichte der vielen Heidi-Bücher und ihrer Verfilmungen, originale Requisiten inklusive.

Mehr als nur ein „herzigs Maidli“

Das Schild am Dorfeingang begrüßt in 21 Sprachen und der Weg führt noch einige Meter an anderen Häusern vorbei. Bis heute ist das Heididorf nicht nur Museum, sondern nach wie vor auch Wohnort. War das Leben hier zu Spyris Zeiten sicher entbehrungsreich, ist es vor allem an schönen Tagen inzwischen wohl nicht weniger anstrengend.

Das gepflegte Ambiente, die gut erhaltenen Häuser, das gemütlich wirkende Holzinterieur in einer Ferienregion — da kann man schnell vergessen, wie viel Zeit und Arbeit ein Leben zu Spyris Zeit gekostet hat. Sparsam ausgestattete Vorratskeller oder die Brotgestelle, die von der Decke hängen, verraten davon ein bisschen. Viele Familien backten nur einmal im Monat. Man kann sich gut ausmalen, wie hart das Brot wurde, bis es neues gab.

Das Heididorf in Maienfeld ist ein sehr gut ausgestattetes Freilichtmuseum, das mehr leistet, als nur schöne Bilder zu liefern oder nostalgische Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Neben all den touristischen Möglichkeiten, die es natürlich abdeckt, vermittelt es ein sehr gutes Bild jener Zeit, die den Roman möglich gemacht hat – wenn man mit offenen Augen durch die Räume geht.

Von Maienfeld aus (Bahnhof / Parkplatz am Bahnhof) führt der Rundweg „Heidiweg“, rot ausgeschildert, zum Heididorf — ganz, wie es im Buch beschrieben ist. 30 bis 40 Minuten dauert es etwa, bis man oben ist. Weiter oben am Hang gibt es Parkplätze, die bei schönem Wetter und am Wochenende schnell voll sind. Da ist es schöner, zu Fuß durch die engen Straßen, Gässchen und Weinberge zu laufen.

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Fotos: Bettina Schnerr
Zitat: Projekt Gutenberg

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