Ein kleines Erbe ermöglicht es Akiko, ihre sichere Stelle nach sechs Jahren zu kündigen. Die junge Frau möchte die Zeit nutzen, um sich neu zu orientieren. Denn es ist nicht lange her, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter ihre tatsächliche Familiengeschichte besser kennengelernt hat. Nun sind viele Fragen offen, dass sie nicht so recht weiß, wie sie anfangen soll. Dreh- und Angelpunkt ist ihr Vater, der die Familie kurz nach ihrer Geburt verlassen hat. Um Akiko den Verlust auszugleichen, mietete ihre Mutter für einige Jahren extra einen Schauspieler, der regelmäßig zu „Vater-Tochter-Anlässe“ erschien. Inzwischen sind aber beide Väter von der Bildfläche verschwunden.
Eigentlich gibt es nur drei Personen, die ihr in dieser Situation etwas bedeuten: Ihr ehemaliger Schulkamerad Kento, ihre frühere Arbeitskollegin Naoko — und eben ihr Vater. Kento allerdings ist Hikikomori, ein Mensch, der sich kaum nach draußen wagt und den Akikos Sorgen überfordern würden. Naoko ist in der Firma geblieben und hat gerade wenig Zeit. Und der Vater scheint von einer Begegnung mit seiner Tochter nicht begeistert zu sein.
Keine Reise wie jede andere
Jan-Philipp Sendker setzt mit „Akikos lange Reise“ den ersten Teil seiner Japan-Trilogie, Akikos stilles Glück, fort. Das Buch beginnt tatsächlich dort, wo das andere aufhörte: auf der Rückreise vom Meer, wo Akiko die Asche ihrer Mutter verstreut hat. Von da aus beginnt ihr neuer Weg, den sie zwar bewusst gewählt hat. Aber wie der genau aussehen soll, ist völlig offen.
Ihren Vater findet sie fern von Tokyo, als künstlerisch anerkannten Töpfer. Mehr über die Geschehnisse nach ihrer Geburt herauszufinden, gestaltet sich aber als äußerst holprig. Ihr Vater ist ein eigenwilliger Mann, der ziemlich zugeknöpft reagiert. Dank ihrer Bemühungen ergeben sich aber andere Möglichkeiten, mehr über seine Persönlichkeit zu erfahren.
Akiko bemüht sich parallel darum, ihre eigene Zukunft neu zu definieren. Der frühere Traum, Schriftstellerin zu werden, liegt dank ihrer Kündigung in greifbarer Nähe. Und auch Naoko hat eine passende Idee und genug Enthusiasmus, um Akiko davon zu überzeugen.
Ein Kompass zur Selbstfindung
Der Roman lässt sich Zeit, Akikos neuen Lebensabschnitt zu erzählen. Sendker zeigt Zweifel an der Entscheidung ebenso, wie die zwischenzeitliche Überforderung, wenn zuviele Optionen zur Wahl stehen. Er lässt Akiko Raum, sich mit dem Leben ihres Vaters vertrauter zu machen. Auf dem Weg zum Verstehen lässt er sogar eine Nebenfigur wieder auftauchen, die Akiko einst zufällig in der Yamanote-Linie getroffen hatte. Was in Band 1 noch als Zufall hätte durchgehen können, sieht in Band 2 leider eher so aus, als hätte der Autor „magischen Realismus“ ausprobieren wollen. Ähnlich wie man in Cafés imaginäre Begegnungen haben kann (wie hier zum Beispiel), fährt in der Yamanote-Linie zu bestimmten Zeiten eben eine Frau mit dem roten Schal spazieren und lässt sich auf tiefsinnige Gespräche mit anderen Fahrgästen ein.

Mich hat es durchaus berührt, „Akikos lange Reise“ weiter begleiten zu können. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Roman ohne Kenntnis des ersten Teils für die meisten Leserinnen und Leser warscheinlich nicht funktionieren wird. Zwar gibt es immer wieder kleine Rückblenden, die etwas erklären. Für das Gesamtbild, das diesen zweiten Teil überhaupt erst ausgelöst hat aber, geben sie aber nicht genug Futter. Meine Empfehlung daher ist ganz klar, zunächst mit Akikos stilles Glück zu beginnen … und voraussichtlich im Herbst 2026 mit dem dritten Band Akikos Geschichte beenden zu können.
Bibliografische Angaben
Verlag: Blessing
ISBN: 978-3-89667-747-1
Erstveröffentlichung: 2025
