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M.J. Trow – Lestrade und der tasmanische Wolf

Am 25. Oktober 1854 schlagen sich die Männer der Elften Husaren von Lord Cardigan erfolgreich gegen die Russen bei Balaclava. Es ist zugleich der Tag, an dem der neun Monate alte Sholto Lestrade seine ersten Gehversuche unternimmt. Diese beiden so unabhängigen Ereignisse geraten 1893, also viele Jahre später, in einen seltsamen Zusammenhang.

Sholto Lestrade, inzwischen Inspector bei Scotland Yard, soll nach Cornwall reisen. Der Auftrag fällt zusammen mit dem Amtsantritt von Assistant Commissioner Nimrod Frost. Dieser übernimmt die Leitung des Criminal Investigation Departement und schickt Lestrade erst einmal weit weg. Schlicht, weil ein wildes Tier in Cornwall Schafe reißt und zu allem Übel auch einen Schäfer tötet. Das passt Lestrade nicht, denn freilich sieht es aus, als könnte jeder Dorfpolizist diesen Fall lösen. Es wird kaum besser, auch wenn beim kurz darauf folgenden Tod eines Leuchtturmwärters Lestrades Reise wenigstens irgendwie seinen offiziellen Amtsaufgaben näher kommt. Frost scheint Lestrade ärgern zu wollen und lässt ihn zudem Kontakt mit einem pensionierten Polizisten aufnehmen, der dem vermeintlich natürlichen Tod seines Freundes misstraut.

Lestrade undercover

Als Lestrade während einer Untersuchung dem deutschen Kaiser begegnet, missverstehen die Kollegen einer Spezialabteilung die Unterhaltung der beiden Herren über Würgemale. Lestrade wird kurzerhand suspendiert. Offiziell jedenfalls, denn bevor Frost Lestrade aus dem Yard verbannt, gibt es Anweisungen: Nicht rasieren, armselig rumlaufen und sich in einem Arbeitshaus einquartieren. Über Wochen hinweg soll Lestrade verdeckt im Land ermitteln und einen weiteren Todefall recherchieren.

So unterschiedlich all die Todefälle scheinen, Lestrade wird ebenso wie der Leser irgendwann drauf kommen, dass sie zusammen hängen. Sholto Lestrade wechselt zwischendurch die Namen und Verkleidungen (ich muss nicht darauf hinweisen, dass er hier absichtlich Holmes ebenbürtig gemacht wird, oder?), um an den verschiedensten Orten Informationen zu erhalten. Alle Toten sind Veteranen der Balaclava-Schlacht von 1854; aber warum müssen sie so viel später sterben?

Wenn es so etwas wie „intelligente“ Krimis gibt, gehört Trows Lestrade-Reihe für mich ganz sicher dazu. Nicht nur, weil er den von Sherlock Holmes so arg geschundenen Inspector Sholto Lestrade rehabilitiert. Sondern auch, weil Trow sehr geschickt Zeitgeschehen und dazugehörige Personen einbaut und damit Fiktion und Wirklichkeit phantasievoll, aber liebenswert mischt. Oft auch mit einer gehörigen Portion Humor. Ganz zum Schluss des Buchs taucht zum Beispiel ein 13 Monate alter Junge auf („ein sehr kluges Kind“), der laut Lestrade „genau die richtigen Fähigkeiten besitzt, den großen Detektiv zu spielen.“ In der Tat: Lestrade und Watson unterhalten sich gerade darüber, dass die Geschichten um Sherlock Holmes verfilmt werden sollten und just in diesem Augenblick begegnen sie Basil Rathbone, der später als der Holmes-Darsteller schlechthin gefeiert wird.

Lestrade beweist Humor

In einem Bordell amüsiert sich der Kolonialminister bei einer frühen Version des Telefonsex, Dr. Watson füttert Conan Doyle regelmäßig mit Holmes-Geschichten für das Strand Magazine, währenddessen der Punch den Detektiv genüsslich mit Parodien durch den Kakao zieht. Ein Mitarbeiter von Lestrade ist Constable Walter Dew. Dieser vertraut Nimrod Frost an, er wolle gerne eine Buch schreiben mit dem Titel „Ich fing…“. Dieses Buch wird es unter dem Titel „I caught Crippen“ 1935 von Dew wirklich geben.

Ich mag den Fall rund um den tasmaischen Wolf wirklich und bin froh, dass ich es die letzten 15 Jahre stets behalten habe. Die Wiederholungslektüre hat sich sehr gelohnt, zumal ich ein Faible habe für den Spott, mit dem Trow über Holmes und Watson herzieht und Trows Humor überhaupt. Wenn die Umstände für die armen Bevölkerungsschichten geschildert werden, kommt Trow nicht umhin, den „Wohltätern“ von damals posthum einen Tritt zu verpassen. Als Lestrade im Arbeitshaus Losungen wie „Gott ist Güte“ entdeckt, schließt er sogleich, dass Gott woanders sein muss.

Trow hat viele Anmerkungen im Anhang beigefügt, die zusätzliche Informationen liefern und manche Wortspiele, die bei der Übersetzung verloren gehen, haben ebenfalls ihren Weg dorthin gefunden. Der Anhang und eine kleine Landkarte sind eine sinnvolle Ergänzung. Leider haben die deutschen Verlage irgendwann die Übersetzung von Trows Krimis aufgegeben. Warum, ist mir schleierhaft.

Bibliografische Angaben

Verlag: rororo
ISBN: 3-499429659
Originaltitel: Brigade. Further adventures of Inspector Lestrade
Erstveröffentlichung: 1986
Deutsche Erstveröffentlichung: 1990

Stand 7/2022 ist das Buch wie folgt erhältlich:

Verlag: dp Digital Publishers
ISBN: 978-3-96087328-0
Titel: Die Morde von Cornwall

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