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Anne Meredith – Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith - Das Geheimnis der GraysFamilienoberhaupt Adrian Gray stirbt am Weihnachtstag 1931, erschlagen von einem seiner Kinder. Das Buch fackelt nicht lange und platziert Dreh- und Angelpunkt der Handlung gleich in den ersten Zeilen. Erst dann nimmt sich Anne Meredith Zeit, die Familie vorzustellen und schon nach wenigen Seiten verwundert es nicht mehr, dass es so weit kommen wird.

Abneigung ist noch eine freundliche Umschreibung dessen, was Adrians Kinder und Ehepartner für den Patriarchen übrig haben. Und Kinder hat er immerhin sechs, von denen alle ins Landhaus King’s Poplars kommen. Wie sehr sich die Familienmitglieder auf die krümelige Verwandschaft freuen, mag man am Ehepaar Amery ablesen, die ihre Kinder besser bei der Tante lassen, statt sie mitzubringen.

Eine todunglückliche Sippe

Von den Gray-Kindern führt mit Ausnahme von Ruth, verheiratete Amery, keines ein psychisch oder physisch gesundes Leben. Wer sonst verheiratet ist, hat grundsätzlich den Falschen erwischt. Darunter ein Lebemann, der fremd geht und womöglich das eigene Kind auf dem Gewissen hat. Betrügerischer Finanzjongleur. Von den Ambitionen des Ehemanns genervte Ehefrau, die hintergangen wird. Unverheiratete Tochter, verbitterte und praktisch geizige Hüterin des Familiengeldes. Fünf von sechs Kindern stehen vor unerfüllten Träumen und stecken in erstickenden, gesellschaftlichen Fesseln.

Das Familienoberhaupt Adrian ist herrisch und hier deckt das Buch im Lauf der Zeit ein gerütteltes Maß an Selbsthass auf, das über Jahre hinweg die Familie geprägt hat. Dazu kommt ein ganz naives Händchen in Geldangelegenheiten. Einzig Adrians Mutter, eine kleine Nebenrolle, repräsentiert die alten Grays, wie sie früher einmal waren und sie sich gerne noch sehen würden: Stilvolle Gutsherrschaft mit Tradition.

Portrait of a murderer

Der englische Titel entspricht viel eher dem, was nun kommt, als der deutsche: Portrait eines Mörders. Meredith lässt den Mord vor unseren Augen geschehen und schenkt dem Täter im Anschluss viel Raum. Es geht nicht nur um die Frage, ob und wie man ihm auf die Schliche kommt. Seine Charakterzeichnung nimmt ebenso viel Platz ein und Meredith spürt der Frage nach, wie sich die Charaktere von Täter und Mordopfer bis zur Tat hin verzahnen, bis einer von beiden die Nerven verliert. Welche inneren Kämpfe ficht der Täter bisher aus und welche kämpft er nach der Mordnacht mit sich aus?

Anne Meredith geht in diesem Krimi außerdem detailliert auf die Armut dieser Zeit ein. Hildebrand Gray, einer der Söhne, lebt als Künstler praktisch von der Hand in den Mund und Meredith nimmt den Leser auch mit zu ihm nach Hause, mitten in zerrissene Kleider, staubige Möbel und fleckige Wände. Mir fallen aus dieser Zeit wenige Krimis ein, die so deutlich zeigen, was Armut anno 1933 (dem Erscheinungsjahr des Originals) bedeutete oder was die Armut mit den Leuten machte.

“Es ist eins von den Zwischenhäusern.”

Eine Hausangestellte beschreibt auf ihre Art das Dilemma der Grays so: Sie seien weder lässig genug, um so zu sein wie sie sind, noch elegant und wohlhabend genug wie die ganz Reichen und Adeligen, denen gar nicht in den Sinn käme, dass man sie kritisieren könne. Mit den niederen Ständen wollten sie nichts zu tun haben, doch für die ambitionierten Pläne fehlen die Instinkte und das Selbstbewusstsein. Dafür gibt es Verbissenheit im Übermaß.

Never judge a book by its cover

Habe ich bis hierher deutlich genug gemacht, dass hier kein “Cozy” auf die Leser wartet? Es ist ein Krimi, der unweigerlich auf ein trauriges Finale hinsteuert. Zur falschen Erwartungshaltung trägt natürlich ganz erklecklich die Covergestaltung bei. Zur Tradition der Weihnachtskrimis bei Klett-Cotta passt es freilich prima. Aber ein bisschen weniger Niedlichkeit, ohne das goldene Geschenk im Vordergrund zum Beispiel? Ein tristeres Blau für den Himmel, so wie es die englische Ausgabe der Britisch Library Crime Classics zeigt? Das Cover ist klar angelehnt, entbehrt aber der Dramatik, die der englischen Ausgabe schon beim Anschauen anhaftet. Das ist am Ende etwas schade, tut der intensiven Auseinandersetzung mit den verkorksten Grays letztlich aber keinen Abbruch.

Bibliografische Angaben

Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96299-4
Originaltitel: Portrait Of A Murderer
Erstveröffentlichung: 1933
Deutsche Erstveröffentlichung: 2018
Übersetzung: Barbara Heller

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