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Titelbild zu "Kurze Bücher für den Nachmittag". Foto: Bettina Schnerr

Kurze Bücher für den Nachmittag

Gibt es bei euch auch Situationen, in denen ihr gezielt ein ziemlich dünnes Buch sucht? Damit es zu einer kleinen Zugfahrt passt zum Beispiel, oder damit ihr Wartezeiten besser überbrücken könnt? Mit diesen Titeln habt ihr sicher nicht nur eine gute Zeit, sie passen auch hervorragend in praktisch jede Tasche.

Arno Camenisch – Der letzte Schnee

Irgendwo in Graubünden betreuen Paul und Georg einen Schlepplift. Der Schneefall setzt ein bisschen zaghaft ein in diesem Jahr. Aber der Lift läuft, so wie jedes Jahr, so wie in allen anderen Dörfern, seit man hier in der Nähe den ersten Lift der Schweiz eingeweiht hatte.

Viel Zeit zum Schwätzen gibt es hier oben. Während der Lift läuft, Karten gezählt und gestapelt, Schnee vom Dach geschaufelt, der Fahrtenzähler gedrückt und Bügel gezählt werden, lassen sie das Dorfleben Revue passieren. Besonders präsent sind die kleinen und großen Tragödien. Da sind Liebschaften schief gegangen, Männer ausgewandert, Wanderer verschollen geblieben. Jetzt, wo immer weniger Schnee fällt und die Gletscher zurück gehen, wird man sie vielleicht eines Tages wiederfinden.

Der Tod kuriert uns vom Leben, sagt der Georg und zündet sich die Zigrette an.

Veränderungen überhaupt prägen das Tal, das ein bisschen hinterher hinkt und wo es das nicht tut, abgehängt wird. Kartenzahlung ist am Lift nicht drin; über die Investition hat aber auch noch nie jemand nachgedacht. Dafür ist die Post trotz großer Proteste zu und die Beiz wurde verkauft. Bei der Tankstelle mit Kiosk und dem Dorfladen schienen die auswärtigen Besitzer geradezu auf einen Anlass gewartet zu haben, endlich alles dicht machen zu können. Und immer wieder der Schnee. Was passiert mit einem Dorf (oder einer Region), die den Schritt vom kargen Bergbauerndasein zu einem zumindest passablen Einkommen dank des Tourismus geschafft hat?

Solange der Lift läuft, erzählen Paul und Georg weiter. Sie protokollieren, warten die Technik und beobachten das Dorf. Das ganze Buch über brillieren die Szenerie und der Lift als Abbild des Lebens, bis zum letzten Satz.

99 Seiten
Verlag: Engeler
ISBN: 978-3-906050-35-5
Erstveröffentlichung: 2018

Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

Um sich in New York über Wasser halten zu können, braucht Holly Golightly nicht viel: Eine ansprechende Aufmachung genügt, der Rest ist Schläue, Fantasie und vor allem die Einstellung, nichts allzu ernst zu nehmen. Sie amüsiert sich prächtig im Nachtleben und betört ihren Nachbarn noch gleich mit.

Den Nachbar tauft Holly kurzerhand auf Fred; als Leserin erfahre ich nie, wie er wirklich heißt, habe aber natürlich immer im Kopf, es könnte Truman Capote selber sein. Schreibt der Nachbar doch Geschichten und will als Autor auf eigenen Beinen stehen. Seine Beziehung zu Holly ist ziemlich sprunghaft, manchmal bekommt er wochenlang nichts von ihr mit. Dafür aber erlebt er die junge Frau, nicht einmal Zwanzig ist sie, bei seiner Nachbarschaftshilfe auch von einer anderen Seite: Das mondäne Partygirl hängt an ihrem Bruder, hat ambitionierte Heiratspläne und eine eher bedrückende Familiengeschichte. Aber Holly heißt nicht umsonst “Golightly”, nimm’s locker; sie ist ein unglaubliches Stehaufmännchen, das sich aus jeder Situation zu retten weiß.

Das “Frühstück bei Tiffany” liest sich wunderbar. Wären da nicht ein paar gezielte Einsprengsel, die den amüsanten Stil Hollys konterkarieren. Darunter die Art, wie sich Holly unter anderem Geld beschaffte: “Für die Toilette” verlangte sie 50 Dollar. Ein Hinweis, der sich heute rasch überlesen lässt. Damals aber verstand jeder, dass Holly sich als Escort Girl anheuern ließ (Marilyn Monroe sagte die Filmrolle der Holly Golightly auf Anraten ihres Schauspiellehrers deshalb ab). Hat Hollys Familiengeschichte für genausoviel Aufregung gesorgt? Eines Tages kommt heraus, dass Holly im Alter von 14 an einen älteren Witwer verheiratet wurde, um ihm den Haushalt zu führen und sich um seine Kinder zu kümmern.

Lese ich das Buch heute, sehe ich vor allem eine Frau, die sich um ein eigenständiges Leben unter eigener Regie bemüht. Sie wählt ihre Mittel selbst und unabhängig. Holly mag ziemlich naiv sein, aber dumm ist sie deshalb noch lange nicht. Weder so dumm, dass sie sich mit 14 das Leben wegnehmen lässt, noch so dumm, dass sie aus ihren Pannen nicht doch etwas Gutes machen könnte.

128 Seiten
Verlag: Kein & Aber
Originaltitel: Breakfast at Tiffany’s
ISBN: 978-3-0369-5934-4
Erstveröffentlichung: 1958
Deutsche Erstveröffentlichung: 1959
Übersetzung: Heidi Zerning

Die perfekte Überleitung zum nächsten Buch liefert Capote mit:

Ich war im Kino gewesen, nach Hause gekommen und mit einem Bourbon-Schlaftrunk und dem neuesten Simenon zu Bett gegangen.

Georges Simenon – Maigrets Pfeife

Am Ende eines langen Tages im Kommissariat am Quai des Orfèvres klopft Maigret die eine Pfeife aus und greift nach der nächsten. “Sie war nicht da.” Zwar hat er alleine im Büro vier davon verteilt, aber die große geschwungene Bruyèrepfeife ist verschwunden. Ein Geschenk seiner Frau zum Geburtstag, ausgerechnet, und das verhagelt Maigret nicht nur den Abend, sondern auch den nächsten Tag auf Vorrat.

Maigret rekapituliert den Tag: Was er getan? In welchen Büros war er und wer war bei ihm zu Besuch? Ihm fällt eine Frau ein, die in Begleitung ihres Sohnes gekommen war. Fest davon überzeugt, dass sich jemand heimlich in ihrer Wohnung zu schaffen macht. Und Maigret ist bald fest davon überzeugt, dass just dieser Sohn sich an seiner Pfeife zu schaffen gemacht hat. Nur: Wie kommt er nun an seine Pfeife ran? Der Zufall spielt Maigret in die Hände.

Die Geschichte selbst ist nur etwa 70 Seiten lang. Dazu kommt ein Nachwort des Übersetzers Karl-Heinz Ott: “Simenon ist der ideale Autor für den Samstagnachmittag,” schreibt er und umso besser passt der Band in diese Auswahl. Aufbauen oder verwirren kann Simenon auf so kurzer Strecke nicht, den Fall löst Maigret mit Hilfe von (natürlich richtigen) Vermutungen und Schlussfolgerungen, von denen der Leser erst bei der Aufklärung erfährt. So lange muss man Maigret hinterher und ratlos die Zimmer der besorgten Frau durchsuchen, falsch raten und sich fragen, welche komischen Anfragen er seine Mitarbeiter ausführen lässt.

Ott schreibt noch etwas anderes: “Man will seine Bücher in die Tasche stecken können, für zwischendurch und unterwegs.” Wenn das für die Simenons gilt, gilt das für dieses Büchlein möglicherweise doppelt. Der Verlag legt die kurzen Storys im Retrolook auf, dieses hier gebunden in Leinen und gestaltet nach der Optik der Erstausgabe. Ein durchdachter Ansatz für Sammler und Liebhaber der Ästhetik. Ganz zum Schluss übrigens nocht eine kleine Hommage von Peter Ustinov. Und gerade die ist so großartig, dass ich keinen Ton verrate; man muss sie selber lesen.

87 Seiten
Verlag: Kampa
Originaltitel: La pipe de Maigret
ISBN: 978-3-311-13101-4
Erstveröffentlichung: 1947
Deutsche Erstveröffentlichung: 1977
Übersetzung: Karl-Heinz Ott


… dass es übrigens drei Schweizer Verlage geworden sind, allesamt “indie”, war ungeplant, aber ein wunderbarer Zufall!

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