Die junge Mary Russell streunt jeden Tag stundenlang durch die Landschaft, meist mit einem Buch in der Hand. Denn dem Tod ihrer Eltern wohnt sie bei einer Tante, die sich zwar liebend gerne um das Erbe des wohlhabenden Mädchens kümmern möchte, nicht aber um das Mädchen selbst. Da ist sie lieber an der frischen Luft. Mit einem alten Text von Virgil vor der Nase stolpert sie fast über einen älteren Mann. Sie erkennt Sherlock Holmes, und, eigensinnig wie sie ist, verwickelt sie ihn in ein Wortgefecht. Statt aber genervt zu sein, interessiert ihn das aufgeweckte Mädchen. Sie nimmt seine spontane Einladung nach Hause an und so beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft.
Der Holmes’sche Haushalt wird zu Marys zweitem Zuhause. Mrs Hudson bekocht das Mädchen, Watson wird zu Onkel John und Holmes selbst beginnt, Mary richtiggehend auszubilden.
Das Buch lässt sich viel Zeit, Mary Russell als Figur zu entwickeln — sie schreibt ihre Geschichte nämlich selbst (wie Laurie R. King an das Manuskript kommt, ist fast schon eine Geschichte für sich). Aus der zunächst Fünfzehnjährigen wird nach wenigen Jahren eine Studentin, die in Oxford während des Semesters ihre Nase kaum aus den Büchern kriegt. Sie hilft während des ersten Weltkriegs in den Lazaretten, und feilt in den Ferien weiter an ihren detektivischen Fähigkeiten.
Leben oder Tod?
Mit Marys Lust an Rätseln und dem ausgiebigen Training nimmt sie sich (natürlich!) in der Nachbarschaft begeistert einem Fall an, den Sherlock Holmes wegen seiner Trivialiät abweist. Wenig später sorgt sie dafür, dass Holmes sie am Fall einer entführten Politikertochter beteiligt. Ihr Vorgehen aber macht den Kopf jener Organisation auf sie aufmerksam, die die Entführung geplant hat.
Holmes hatte Feinde, sogar viele. Immer wieder betonte er das, ermahnte mich zur Vorsicht und erklärte, auch ich könne die Zielscheibe seiner rachsüchtigen Bekannten werden.
Mit einem verdächtigen Fleck an der Türklinke geht es los und Mary Russell befindet sich schneller auf der Flucht, als sie geahnt hätte. Denn das Detektiv-Duo ahnt nicht einmal, mit wem sie es zu tun haben. Sie wissen nur, dass jemand viel Geld und viele Ressourcen hat. Um so jemanden zu täuschen, sind auf der Seite von Sherlock Holmes viel Zeit und viel Planung notwendig.
Sherlock Holmes, der Teamplayer
Mit „Die Schülerin von Sherlock Holmes“ entdeckt Dörlemann eine Krimiserie neu, die trotz der nie abebbenden Begeisterung für Sherlockiana auf Deutsch nie so recht ihre Chance bekommen hat. Laurie R. King schreibt bis heute regelmäßig neue Fälle. Von 29 langen und kurzen Stories haben aber nur fünf bislang den Weg über den großen Teich gefunden. Der erste Fall wurde 1994 übersetzt und das ist eben jener, den ich erfreut in die Rubrik Buchtipps stecke.

Das liegt einerseits daran, dass King mit Mary Russell eine hervorragende Figur entwickelt. Sie ist ein aufgewecktes Mädchen, das dank der intellektuellen Herausforderungen aus sich herausgeht und mit jeder Figur aus dem Holmes’schen Haushalt eine passende Beziehung aufbauen kann – Mentor, Onkel und Ersatzmutter.
Und andererseits entwickelt Mary Russell ausgerechnet Sherlock Holmes zu einem Teamplayer — in Grenzen natürlich. Sein Ruhestand gilt nicht ganzjährig; er löst offenbar weiterhin immer wieder Fälle, aber ohne Zuhause einen Ton davon zu sagen. Außer, Mary ist beteiligt. Ihr gegenüber übernimmt der Detektiv überraschend viel Verantwortung und das wirkt nicht einmal überzogen.
Eine Empfehlung für Fans klassischer Krimis, Leser:innen von Sherlock Holmes und Leuten mit Spaß an originellen Varianten bestehender Figuren und Geschichten.
Bibliografische Angaben
Verlag: Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-178-6
Originaltitel: The Beekeeper’s Apprentice or On the Segregation of the Queen
Erstveröffentlichung: 1994
Deutsche Erstveröffentlichung: 1997 (Die Gehilfin des Bienenzüchters)
Diese Ausgabe: 2025
Übersetzung: Eva Malsch
