Seit ihrer Kindheit begeistert sich Yu-hee für Pflanzen. Als ihr der Bürojob eines Tages zuviel wird, eröffnet sie kurzerhand einen Pflanzenladen und folgt ihrer Berufung. Unbeirrt lässt sich sich in einem Stadtviertel nieder, das wenig Laufpublikum bietet, aber ihre Auswahl, einige Influencerinnen und ein kleiner Bauboom machen aus Yu-hees Selbständigkeit ein florierendes (pun intended) Geschäft.
Egal, wie anspruchsvoll eine Pflanze ist, Yu-hee kann großziehen, retten und sprießen lassen. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen und Pflanzen gleichermaßen eine gute Pflege benötigen und unter den richtigen Bedingungen ihr ganzes Potenzial entfalten. Für das „Gedeihen“ von Frauen gibt es eigentlich nur ein einzige Problem: übergriffige, respektlose und gewalttätige Männer. Für die Unverbesserlichen findet sich im Pflanzenshop ein stilles Plätzchen, von dem aus sie die Radieschen und anderes Gewächs von unten angucken können. Das spricht sich — warum auch immer – herum. Yu-hees Laden wird zur Anlaufstelle für verzweifelte Frauen, die vor Gewalt verschiedener Art fliehen. Und nur Detective Cha Do-kyung wird das komische Gefühl nicht los, dass die verschwundenen Männer bei der Plant Lady im Laden gewesen sein könnten.
Vom „Sterben ohne Grund“
So schlicht von der Machart her dieser Roman wirken mag, so kämpferisch wird er mit dem Nachwort der Autorin. „Plant Lady“ war zunächst eine Kurzgeschichte, die in einem Kurs für kreatives Schreiben entstand. Von einem der wenigen Männer kam eine Rückfrage, die Kang nachhaltig beschäftigte: „Meinen Sie nicht, dass alle Männer ohne ersichtlichen Grund sterben?“
Die Frage zeigt ein grundlegendes Problem, nämlich wie unsichtbar Gewalt gegen Frauen immer noch ist. Wie Männer Frauen auf unterschiedliche Art ihre Autonomie nehmen, und das stillschweigend immer noch als ziemlich normal angesehen wird. Jedenfalls nicht als Grund, sich zu wehren und schon gar nicht als Mordmotiv. Dabei sterben Frauen für deutlich weniger, wie Kang schreibt:
Ich versuchte mich an die Frauen zu erinnern, über die ich in meinem Leben gelesen hatte und die in den Geschichten verschwunden oder gestorben waren, ohne zu wissen, warum.

Eine ganze Krimisparte ernährt Autor:innen davon, Frauen einfach nur deshalb leiden zu lassen, weil sie Frauen sind. Dann jagt irgendeine Abteilung einen Täter, der ihnen immer einen Schritt voraus zu sein scheint. In Zeitungen werden Morde als Familiendramen umschrieben, weil (vornehmlich) Journalisten das Wort Mord oder gar Femizid vermeiden möchten. Und dann fragt ein Mann in einem Schreibkurs ernsthaft, ob ein Krimi ohne für ihn ersichtliche Motive geschrieben werden dürfe?
Die Welt wäre schon besser, hätten all die Frauen wenigstens Namen, findet Kang. Die Autorin gibt ihnen nicht nur Namen, sondern auch eine unauffällige Helferin zur Seite. Eine, die sie selbt gebraucht hätte, wie sie schreibt. Aus Krimiperspektive ist dieser Roman also nur fair. Und aus gesellschaftlicher Perspektive wichtig.
Bibliografische Angaben
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27558-4
Originaltitel: 식물, 상점 (sigmul, sangjeom)
Erstveröffentlichung: 2024
Deutsche Erstveröffentlichung: 2025
Übersetzung: Kyong-hae Flügel
