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Keiichiro Hirano – Das Leben eines anderen

Nach dem Tod von Daisuke Taniguchi stellt dessen Witwe Rie eines Tages fest, dass ihr Mann nicht derjenige war, der er zu sein vorgab. Der ältere Bruder, von dem Daisuke stets erzählte, er wäre nie gut mit ihm ausgekommen, erkennt den Verstorbenen auf einem Bild nicht wieder. Name, Vergangenheit, Familienregister — alles, was dieser Daisuke Rie erzählt hatte, stimmt nicht. Rie kontaktiert den Anwalt Akira Kido aus Yokohama und beauftragt ihn mit Nachforschungen. Kido, Kind koreanischer Einwanderer, ist Scheidungsanwalt und hatte Rie einst vertreten. Während Rie und ihre zwei Kinder aus einer glücklichen Familie gerissen wurden, schwebt Kido in alltäglicher Routine. Seit dem Tohoku-Erdbeben, so findet er, ist die Ehe aus dem Lot geraten und nicht so, wie es sein sollte.

Was hat Liebe mit unserer Geschichte zu tun?

Das sind soweit die Ausgangspunkte, die in diesem Buch nicht einfach biografische Häppchen sind, die Charaktere interessanter machen sollen. Hirano hat genau hingeschaut und die Biografien mit der Frage nach Identitäten auf unterschiedlichsten Ebenen verknüpft. Schon für Ries Kinder stellt sich die Frage nicht einheitlich. Während Daisuke und Rie Eltern einer gemeinsamen Tochter sind, stammt der Sohn aus erster Ehe und ist bereits in einem Alter, in dem er den Schwindel begreift. Seine beiden Väter sind ihm auch unterschiedlich sympathisch gewesen, sodass den Teenager Tod und Identität des wirklich geliebten zweiten Vaters enorm beschäftigen.

Wenn eine Person heute jemanden lieben kann, so liegt das in ihrer Vergangenheit begründet, die sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. Was man von sich erzählt, ist allerdings nie die ganze Vergangenehit. Wenn diese aber nun von der faktischen Vergangenheit abweicht, ist dann auch die Liebe falsch? Oder kann daraus eine neue, eine andere Liebe entstehen?

Liebe ist auch das Thema, das Rie umtreibt. Natürlich verknüft sie, wie jeder andere es auch tun würde, Zuneigung mit dem Bild, das sie sich von ihrem Mann gemacht hat. Liebevoller Vater und Ehemann, zuverlässiger Angestellter, respektvoller Mensch, zugewandter und ruhiger Nachbar. Was allerdings zählt, wenn Daisuke nicht Daisuke hieß und seine Identität vielleicht gar wegen krimineller Machenschaften verstecken wollte? Letztlich ist nicht nur eine gewisse Sicherheit um die Person hinter Daisuke Motivation genug, den Anwalt Kido einzuschalten. Auch die Sorge um rechtliche Schwierigkeiten spielt eine große Rolle.

Was macht Identität aus?

Kido recherchiert also und leicht ist das sicher nicht. In Japan „verschwinden“ mehrere tausend Menschen pro Jahr, oft, um ihrer Familie Schande zu ersparen. War Daisuke so ein Mensch? Kido probiert diverse Suchansätze aus und landet schließlich bei einem Vermittler, der einen regen Austausch mit Familienregistern betreibt. Dabei werden ganze Identitäten getauscht, was wegen der Vollständigkeit der Unterlagen und Biografien meist ganz ohne Aufsehen erfolgt. Eines Abends versucht sich Kido selbst an einem kleinen Tausch. Er gibt sich einem Barkeeper gegenüber als Daisuke aus, erzählt dessen Geschichte und probiert, wie sich das anfühlt.

Wenn ich mein Leben jemand Anderem anvertrauen sollte, würde er es besser führen können als ich?

Dass die Idee eines anderen Lebens reizvoll ist, hängt nicht nur mit der Ehekrise zusammen, in der er sich stecken sieht. Über Kidos koreanische Vorfahren bringt Hirano das Thema Nationalität ins Spiel. Kido ist inzwischen eingebürgert, spürt aber die Zunahme der Fremdenfeindlichkeit im Land und die findet in Japan vor allem gegen Koreaner statt. Zwar hat er eine japanische Ehefrau, weiß aber, dass es sehr wohl Vorbehalte gegen die Ehe gab. Ihn begleitet die Frage, wie für ihn ein „japanisches Leben“ abgelaufen wäre, praktisch jeden Tag. Dabei stellt er zugleich fest, dass er viel Glück gehabt hatte und kaum Diskriminierung erfahren musste.

Keiichiro Hirano erzählt die Geschichte dieser doppelten Identitätssuche sehr ruhig und philosophisch. In manch einer Ankündigung klingt es, also ginge es mehr oder weniger um einen Krimi, aber das ist an keiner Stelle des Romans Sinn der Sache. Er nimmt sich sogar der Frage um Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der Todesstrafe an, als ihm bewusst wird, dass jemand bei einem Identitätstausch auch das Vorleben einer anderen Person übernimmt.

Die Handlung ist recht behäbig (und wird die echte Identität übrigens aufdecken). Nichts für Leser:innen, die schnell gelangweilt sind, aber genau richtig, wenn man sich auf die Überlegungen einmal einlassen möchte, was einen Menschen ausmacht. Was ihn prägt, verändert und welche Umfelder welche Auswirkungen haben. Und was dabei herauskommen könnte, würde man es selbst probieren. Würde es sich denn lohnen oder kann man sein eigenes Leben selbstwirksam gut genug verändern?

Bibliografische Angaben

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-77229-4
Originaltitel: Aru otoko (ある男)
Erstveröffentlichung: 2018
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022
Übersetzung: Nora Bierich

Notiz zum Abschluss

Praktisch überall ist zu erfahren, dass Hirano für seinen Debütroman (Nisshoku / 日食) bereits mit 23 Jahren im Jahr 1998 den Akutagawa-Preis erhalten hat. Dabei geht -selbst auf der Verlagsseite- ganz verloren, dass auch „Das Leben eines anderen“ preisgekrönt ist, nämlich 2018 mit dem Yomiuri-Preis.

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