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Sebastian Conrad – Die Königin

Sebastian Conrad – Die Königin

Sebastian Conrad - Die Königin. Nofretetes globale Karriere / Sachbuch

3000 Jahre alt und doch so bekannt, als wäre sie ein Star von heute? Die ägyptische Pharaonengattin Nofretete schafft genau diesen Spagat. Ausgelöst durch eine farbig erhaltene Büste, die mit ihrer Ausstrahlung fasziniert. Nofretete mit der blauen Perücke gilt inzwischen weltweit als Ikone der Schönheit. Ihre charakteristische Optik wird von Kosmetikfirmen und Kunstschaffenden zitiert. Spätestens, seit sich Rihanna und Beyoncé bei Auftritten als Nofretete inszenierten, gibt es wahrscheinlich keine Altersgruppe mehr, die mit dem Namen nichts anfangen kann.

Sebastian Conrad befasst sich in seinem Buch (nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2024) mit den Stationen ihrer „globalen Karriere“. Ausgehend von ihrer sensationellen Entdeckung im ägyptischen Tell el-Amarna und der Ägyptenforschung arbeitet er sich bis heute vor. Stets begleitet von den zentralen Fragen, wie stark die Entdeckungsgeschichte eigentlich ihren heutigen Ruhm geprägt hat und auch, wie man mit antiken Fundstücken umgeht, die einst unter kolonialen Bedingungen aus fremden Ländern geholt wurden.

Nofretete, die an der Seite von Pharao Echnaton regierte und später vermutlich sogar Alleinherrscherin war, verdankt ihren heutigen Ruhm praktisch einem einzigen Fundstück. Einer Büste, die 1912 aus der Werkstatt eines Bildhauers geborgen wurde. Praktisch von Beginn an, war klar, dass diese Büste ein besonderes Fundstück war. Lebensgroß, bestens erhaltene Farben und ein schönes Gesicht. Dem deutschen Ausgrabungsleiter war da schon klar, dass er Nofretete nur mit einem Trick aus Ägypten herausbekommen würde. Conrad schildert, wie die übliche Fundsachenteilung vermutlich so abgewickelt wurde, dass die Ägypter und ihr französischer Antiquitätenspezialist keine Ahnung hatten, was sie den Deutschen zusagten. Die internationale Karriere begann also nicht ganz stubenrein.

Gelungen an dem Buch ist zudem die Verknüpfung von vielfältigen und auch emotional besetzten Feldern mit dem Anspruch an Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit, die eigenen Interessen und impliziten Bewertungen ehrlich zu reflektieren.

aus der Jurybegründung zur Nominierung zum Deutschen Sachbuchpreis 2024

Nofretetes unerwartete Karrieren

Bis die Pharaonin allerdings im Museum stand, vergingen gute 12 Jahre. In denen wurde sie lediglich privat gezeigt, obgleich bereits Kopien von ihr verkauft wurden. Der deutsche Ausgrabungsleiter war sich bewusst, dass sich Ägypten über die Nofretete im Ausland sehr aufregen würde. Erst 1924 wurde sie öffentlich ausgestellt – weil die Engländer im gleichen Jahr den Sensationsfund aus der Grabkammer von Tutenchamun ins Museum brachten. Tutenchamun war nicht nur Nofretetes Sohn. Im Zeitalter der ständigen Kämpfe um die europäische Vormachtsstellung wollte Deutschland den Engländern in der Archäologie eben auch in nichts nachstehen und brauchte die Büste für ein bisschen Imagepolitur.

Seit ihrer Premiere hat die Statue eine bewegte Karriere hinter sich, die Conrad detailliert nachzeichnet. Darin lassen sich drei Schwerpunkte ausmachen. Der eine ist die Frage, wie Nofretete weltweit so einhellig zur Schönheitsikone werden konnte. Eine große Rolle spielt hier sicher, dass die Funde in Ägypten quasi das „erste große Medienereignis“ waren. Nie zuvor konnte etwas so breit präsentiert werden. Selbst Reisen nach Ägypten waren für wohlhabendere Menschen in einem bisher nicht denkbaren Umfang möglich. Damit war Nofretetes auch wirtschaftlich interessant und ihr Konterfei zierte zudem zahlreiche Produkte als „Testimonial“.

Aber vor allem politische Strukturen lösten in Europa diesen Hype aus. Alleine die sprichwörtlich majestätische Ruhe, die die Büste ausstrahlte, stand im wohltuenden Kontrast zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

In der Konsequenz entwickelt sich ein weiterer Schwerpunkt um die Besonderheit, dass sich weltweit Staaten oder Kulturen darum rissen, die eigene Kultur mit der von Nofretete zu verknüpfen. Südamerikanische Pyramiden? Sicher aus Ägypten importiert. Indische Statuen? Sehen ebenfalls ganz schön ähnlich aus. Und chinesische Schriftzeichen? Teilen mit den Ägyptern gewiss gemeinsame Vorfahren, oder?

Die Pharaonin ließ sich je nach Deutung in zahlreiche, teils sehr kontroverse, Argumentationen einbinden. Während die Europäer sie praktisch als Weiße lesen, verstehen viele Schwarze sie als ihresgleichen. Was wiederum in Ägypten nicht gut ankommt. Das Buch widmet den unterschiedlichen Rezeptionen viel Raum und geht auch bei dieser Thematik ausführlich auf einzelne Beispiele ein.

Restitution oder Entschädigung?

Die Frage nach den Besitzverhältnissen ist Schwerpunkt Nummer 3. Conrad beleuchtet zahlreiche Facetten, die mit Identität, Rechtsfragen, aber auch Kunstexpertise zusammenhängen. Zu jener Zeit, als die ersten Rückgabeforderungen in Berlin ankamen, hätte es beinahe geklappt, schreibt Conrad. Im Gegensatz zum Publikum waren sich Experten bis in die 1950er Jahre in Gutachten recht einig, dass die künstlerische Bewertung anderer Stücke höher war.

Bis heute werden sich die Parteien nicht einig und die Argumentationen veränderten sich im Lauf der Jahre. Sebastian Conrad dokumentiert frühe Gründe, die ihre Wurzeln noch stark im kolonialen Gefälle haben, bis hin zum scheinbar sachlichen „kulturellen Erbe der Menschheit“, das unabhängig vom Ausstellungsort ausstrahlen soll. Auch empfindet nicht jedes Land die Restitution als wichtigstes Ziel, wie er schreibt. Nicht wenigen ehemaligen Kolonialstaaten wäre eine Entschädigung oder eine solide Hilfe bei der Behebung wirtschaftlicher und gesellschaftlichen Schäden durch die Kolonialisierung lieber.

Das Buch erzählt auch von der Entwicklung des historischen Bewusstseins in Ägypten selbst. Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Pharaonen im Staat nicht so wertgeschätzt wie heute. „Die Königin“ vereint ein sehr breites Spektrum an zeitgenössischen Fragen und historischen Aspekten. Und das anhand nur einer einzigen Antiquität.

Bibliografische Angaben

Verlag: Propyläen
ISBN: 978-3-99120-037-6
Erstveröffentlichung: 2024

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