Close

Bleisatz

Literatur, Rezensionen & mehr

Fuminori Nakamura – Die Flucht

Fuminori Nakamura – Die Flucht

Fuminori Nakamura - Die Flucht

„Was für ein heilloses Chaos!“

Kann man damit einen Roman so unverblümt zusammenfassen? Jedenfalls waren das meine ersten Gedanken, nachdem ich Nakamuras neuesten Roman zugeklappt hatte. Nach mehreren Tagen, in denen ich mich immer wieder gefragt hatte, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Und in denen ich auch überlegt hatte, dieses Chaos unfertig hinter mir zu lassen.

Dabei will „Die Flucht“ eine ganze Menge. Es ist unter den übersetzten Romanen Nakamuras jener, der sich politisch immens engagiert. Alles dreht sich um eine Trompete, zu der der Journalist Kenji Yamamine zunächst recherchiert und die er später unter seltsamen Umständen in die Finger bekommt. Es ist ein legendäres Instrument, das im Zweiten Weltkrieg die japanische Armee zu einem unglaublichen Sieg geführt haben soll. Doch die Legende macht das Instrument auch gefährlich. Verschiedene Interessengruppen wollen die Trompete haben und hoffen, sie mit ihrer „Magie“ für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können. Yamamine wird mit Tod und Folter bedroht.

Ein umfassender Themenbogen

Yamamine beobachtet mit Sorge den Rechtsruck in der japanischen Politik und hat auch bereits ein viel beachtetes Buch dazu geschrieben. Der Kern des Romans ist damit festgelegt – und alles weitere sind Variationen dazu. Historische ebenso wie zeitgenössische.

Da ist zum Einen seine Freundin Anh, die er auf den Philippinen während einer Recherche zu dieser Trompete kennengelernt hat. Sie stirbt am Rande einer Demonstration. Steckte Fremdenhass dahinter oder war es ein dummer Zufall? Da ist zum Anderen eine Geschichte, die Anh erzählen will und was nun Yamamine übernehmen soll. Über diesen Aufhänger rückt Nakamura die Geschichte Japans in den Mittelpunkt und erzählt aus verschiedenen Perspektiven, wie gewaltvoll das Land schon zuvor mit anderen Kulturen und Ländern umgegangen ist.

Die Botschaft: Nationalismus, Ausgrenzung und Rassismus prägen die Geschichte und das scheint sich zu wiederholen. Die Wurzeln der Protagonisten lassen sich bis zur Christenverfolgung zurückverfolgen, die teils sehr deutlich geschildert wird. Nakamura erzählt von der japanischen Besatzung in Südostasien und ihren Greueltaten sowie den beschämenden Umgang mit den Opfern des Atombombenabwurfs in Nagasaki. Den Bezug zum Heute setzt Anh, über die das Leben ausländischer Gaststudenten kritisiert wird.

Yamamines Recherchen fördern überdies zutage, wie stark politische Interessengruppen und merkwürdige religiöse Fundamentalisten an der Bildung eigener Legenden arbeiten. Die ach so fabelhafte Trompete war sicher ein gutes Instrument, hatte vielleicht zudem einen Ausnahmemusiker als Besitzer. Doch die Legende entpuppt sich als feiges Manöver, das obendrein fürchterlich schiefgegangen ist. Nur sollte das niemand wissen und so wird seit Jahren die Realität zurechtgebogen.

Flüchtende während der Jahrhunderte

Das ist definitiv nicht uninteressant, aber innerhalb dieses Romans reichlich langatmig. Weil eben alles für die Argumentation wichtig zu sein scheint. Dazu kommen die diversen Verfolger Yamamines, die extrem gut über seine Wege informiert sind. Nicht immer ist klar, inwieweit diese Personen echt sind oder imaginäre Zwiegespräche und Ängste symbolisieren. Und wie in zum Beispiel auch „Die Maske“ diskutieren die Figuren moralische Aspekte und die Frage, inwieweit sich auch die „Guten“ ihre Geschichten zurecht schneidern.

Ganz zum Schluss kommt gar der Schriftsteller N. ins Spiel, der einen Kommentar für den Klappentext verfassen soll …

Inhaltlich interessant, wie gesagt, ist vieles davon. Zumal der tragische Rechtsruck nicht nur in Japan zu beobachten ist. Aber zwischen interessant und interessant spannt sich in Romanen für mich ein ziemlich breiter Bogen. Nur Themen alleine halten mich schwer bei der Stange. Der Roman zerfaserte vor meinen Augen stark in Einzelgeschichten, die von einer dünnen Hauptstory kaum zusammengehalten wurden.

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07285-3
Originaltitel: Toubousha (逃亡者)
Erstveröffentlichung: 2020
Deutsche Erstveröffentlichung: 2024
Übersetzung: Luise Steggewentz

Bestellen bei buecher.de* / genialokal.de* / buchhaus.ch* / osiander.de* / orellfuessli.ch* (*Affiliate-Links)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Close