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Wlada Kolosowa – Der Hausmann

Wlada Kolosowa - Der Hausmann

Das Paar Tim und Thea gerät in die Mühlen der Gentrifizierung. Ihre Wohnung wird nach Renovierung teuer neu vermietet und das können sich die beiden nicht mehr leisten. Tim ist freier Illustrator, Thea NGO-Mitarbeiterin in Teilzeit – „nicht gerade Traumkandidaten auf dem Wohnungsmarkt“. Berlin-Neukölln wird ihre neue Heimat, „außerhalb des S-Bahn-Rings.“ Der Tagesspiegel schrieb darüber einmal: „Der S-Bahn-Ring hat sich zu einer neuen, unsichtbaren Grenze in der Stadt entwickelt.“ Tim stellt fest, dass Berlin „außen“ genauso laut ist, wie Berlin „innen“, nur der Lärm ist anders. Deutschrap und Kinder statt Rollkoffer auf Pflasterstein.

Hier steht Müll im Treppenhaus und nie bekommt man heraus, wer ihn hinstellt oder wer ihn nach ein paar Tagen wieder verschwinden lässt. Dass Tim sich beim Einzug vorstellt, ist hier ungewohnt, aber so lernt rücken im Roman eben die weiteren Personen ins Blickfeld: Maxim aus der Ostukraine, der hier ein Leben ohne Krieg haben will, aber Angst vor den Behörden hat, und die Rentnerin Dagmar, die den ganzen Tag Leute beobachtet und von keinem ihrer Nachbarn etwas hält. Es ist eine „gesetzlose Nachbarschaft, in die das Sozialamt mich steckte“.

Pralles und buntes Mosaik

Never judge a book by its cover? Meistens gilt der Spruch, hier sicher nicht. Kolosowa wechselt die Erzählperspektiven oft und macht das Buch zu einem mehrformatigen Erlebnis. Bunt und abwechslungsreich, wie das Cover es verspricht. Jede Perspektive wird nicht nur anders erzählt, sondern auch anders dargestellt. Dagmars Blick auf die Welt sind ihre blau gerahmten Blogeinträge, Theas Welt besteht aus einem Chat, den sie mit Kollegin Anna führt, natürlich mit Avataren und Emojis. Nur Tim präsentiert sich als klassischer Ich-Erzähler, während Maxim über Auszüge aus einem Tagebuch dabei ist. Das benutzt er, um sein Deutsch zu verbessern und so einen guten Job zu bekommen. Mittendrin die Graphic Novel, an der Tim arbeitet, umgesetzt von Raúl Soria.

So prall in der Gestaltung, so üppig sind auch die Themen, die Kolosowa in „Der Hausmann“ unterbringt. Für ein Buch in diesem Umfang an sich schon fast zu viel. Akzeptiert man das Buch wie einen Besuch bei Bekannten, klappt´s. Man kommt vorbei, hört und erlebt dieses und jenes, fährt mit seinen Gedanken wieder fort und sortiert sich in den Wochen und Tagen danach durch das Geschehen. Ich finde, das funktioniert bei Kolosowa ebensogut – und das liegt an den Themen, die sie auf den Tisch bringt. Zum Reflektieren geben sie genug her. Auch, wenn das Buch schon längst beiseite gelegt ist.

Schöne neue Welt

Tim und Thea sind das tolle Hipster-Paar, das durch den Umzug mit einer neuen Realität konfrontiert wird. Tim, Sohn einer Putzfrau, Thea, Tochter aus wohlhabendem Haus. Beide haben kein Gespür dafür, wie man sich finanziert und ein Leben organisiert. Tim erfährt nach dem Umzug, dass ihr schmales Einkommen ohnehin nie eigentständig gereicht hatte — in Wirklichkeit hatte Theas Vater bis zum Umzug monatlich mitgezahlt. Thea, für die alltägliche Erledigungen ein Buch mit sieben Siegeln sind (sie weiß nicht einmal, wie man Pfandflaschen zurückbringt), wendet ihre beruflichen Perspektiven als erste. Sie heuert bei einem trendigen Hundefutter-Produzenten an, damit Geld in die Kasse kommt.

Damit gerät Thea aber an jemanden, der Mitarbeitende als Kanonenfutter versteht. Die hippe Einrichtung und das „Influencer-Feeling“ täuschen nur wenige Wochen darüber hinweg, dass die Firma ihre Mitarbeitenden komplett für sich vereinnahmt und Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit erwartet. Thea gibt es fortan nur noch entweder überdreht oder schlaflos. Das kann nicht lange gut gehen. Die schöne neue Arbeitswelt entpuppt sich hinter den Kulissen als schlimmer als der konventionelle Job und „New Economy“ setzt Selbstausbeutung als Selbstverständlichkeit voraus.

Screenshot der Website von Raoúl Soria
Screenshot der Website von Raoúl Soria

… und das ist noch nicht alles

Wlada Kolosowa ist eine gute Beobachterin, die zum Beispiel über Dagmar zeigt, wie ambivalent Menschen leben. Dagmar nährt sich kräftig von Vorurteilen über ihre ausländischen Nachbarn. Dabei mogelt sie sich wegen ihrer Armut selbst durchs Leben, klaut Flüssigseife und erschwindelt sich Schirme. Selbst Armut kennt Klassismus. Und obendrein serviert Kolosowa die Klimakatastrophe in Gestalt von Tims Graphic Novel.

Das ist viel auf einen Schlag und doch passend. Es sind die Themen, die die meisten Menschen jeden Tag umtreiben. Manches weniger, manches mehr sichtbar. Dass diese Fülle nicht erschlägt und das Buch nicht so wirkt, als wisse es nicht, was es will, liegt ganz sicher an der Gestaltungsvielfalt. Sie trennt die Themen und trennt die Figuren. Die haben ein bisschen miteinander zu tun, weil sie in demselben Haus wohnen, aber eben nicht mehr, als das Nachbarn meistens haben. Und so trägt jeder sein Rucksäckchen allein durch die Geschichte.

Fassen wir zusammen, finden wir Gesellschaftskritik in allen Facetten mit Altersarmut, Einsamkeit, Vorurteilen und Rassismus, Gentrifizierung und gut getarner Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, wo „New Work“ und „New Economy“ die gewerkschaftlichen Fortschritte ganzer Jahrzehnte munter unterlaufen. Das knallbunte Cover verrrät, dass es Wlada Kolosowa gelingen wird, in „Der Hausmann“ das unterhaltsam und mit einem Sinn für Humor zu gestalten.

Vielleicht war die wichtigere Frage ja nicht, ob man gut oder schlecht war. Sondern, ob man wenigstens manchmal versuchte, seine menschlichen Standardeinstellungen zu überwinden.

Bibliografische Daten

Verlag: Leykam
ISBN: 978-3-7011-8253-4
Erstveröffentlichung: 2022

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