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Berit Glanz – Automaton

So Leute wie Tiff machen die schöne digitale Welt erst möglich: Sie prüfen Bildmaterial in den Sozialen Medien, schreiben Kurztexte für Shops oder News, liken Posts oder kategorisieren Videos und Bilder. Tiff ist eine davon, ein „Automaton“. Sie schlägt sich für miserable Honorare die Nächte um die Ohren und versucht, sich und ihren kleinen Sohn Leon irgendwie durchzubringen. Und dabei muss sie höllisch aufpassen, welche Aufträge sie annimmt: Das „Glück“ einer vorigen Festanstellung bezahlte sie mit einer Angststörung. Sie musste reklamierte Medien für die Sozialen Medien sichten und dabei viel zu viel Gewalt, Folter und Tod mitansehen. Vom Arbeitgeber aber psychologisch unbetreut und allein gelassen. Jetzt verlässt sie kaum noch das Haus und jeder Einkauf wird zur Herausforderung.

Das Miteinander im Kleinen

Ein wenig Fürsorge findet sie überraschend bei ihren Nachbarn Monika und Mikael. Sie fragen wenig, verstehen aber viel. Monika kümmert sich gelegentlich um Leon und Mikael unterstützt sie finanziell. Mikael ist auch derjenige, der sie als Automaton vermittelte, nachdem er von ihrer Angststörung erfahren hatte. Auch unter den Automatons gibt es viel Miteinander. In einem unabhängigen Chat, den der Auftraggeber nicht einsehen kann, sprechen die Clickworker über ihre Jobs, empfehlen sich gegenseitig die guten und warnen vor den schlechten.

Zu den Kleinaufträgen gehört auch die Kontrolle von Überwachungsvideos. Während der Anbieter die Leistung teuer als KI-basierte Technologie verkauft, sitzen in Wirklichkeit schlecht bezahlte Menschen vor ihren Bildschirmen und prüfen, was in Gängen, Betriebshöfen oder Laboren passiert. Auf einem der Videos sehen Tiff und ihre Kollegen immer wieder einen Obdachlosen mit Hund. Eines Tages taucht nur der verängstigte Hund auf und Tiff vermutet ein Verbrechen. Doch wie kann sie helfen?

Vom Grenzen setzen und Grenzen auflösen

Berit Glanz zeigt in ihrem zweiten Roman Job- und Lebenswelten, von denen die meisten nicht einmal etwas ahnen. Clickworker wie Tiff fliegen sozusagen unter unserem Radar. Sie sind so unbekannt, dass eben zum Beispiel ein „KI-Überwachungsservice“ floriert und von seinen ahnungslosen Kunden nie hinterfragt wird. Sie sind so unsichtbar und auch finanziell machtlos, dass sich kein Arbeitgeber, kein Politiker um die Arbeitsbedingungen schert. Die Digitalisierung macht es zudem leicht, die Arbeitenden zu entkoppeln. Clickworker sind über die ganze Welt verteilt.

Sie hatte ihn nach dem Gemeinschaftsgefühl gefragt, und er hatte gelacht. Welche Gemeinschaft meinst du? Wir haben alle am gleichen Tag Lohn bekommen, manchmal miteinander geraucht, aber man fällt heute nicht mehr Bäume wie noch in den 1950er-Jahren, gemeinsam als Gruppe von Männern gegen den Stamm. Und seit den Holzarbeiter-Streiks, an denen dein Opa vielleicht noch beteiligt war, hat auch niemand mehr ein Interesse daran, dass große Freundschaften unter den Arbeitern entstehen.

„Automaton“ aber konzentriert sich nicht nur auf die miese Bilanzseite der Digitalisierung. Glanz hält die Balance und zeigt, dass sie auch neue Möglichkeiten zur Kooperation schafft. Die Automatons werden, wie sich herausstellen wird, sehr engmaschig überwacht. Aber ihr Chat abseits des offiziellen Forums ermöglicht eben auch einen persönlichen Austausch. In den Chat-Protokollen, die Glanz für ihre Protagonisten formuliert, werden diese beiden Seiten deutlich. TiffCat, Nik78 oder Stariseria tüfteln Stück für Stück eine Lösung aus, wie sie mehr über den verschwundenen Obdachlosen erfahren und ihm helfen können. Eine digitale Lösung natürlich.

Neue „schöne“ Welt

War in „Pixeltänzer“ noch eine heilere digitale Welt ihr Thema, wechselt Berit Glanz in diesem Roman auf die „dunkle“ Seite der Digitalisierung. Aber eben nicht ganz. Mir gefällt die Balance und mir gefällt die Nähe zu den Figuren. Kurze Abschnitte führen in den Alltag von Tiff und den anderen Figuren, die den Roman zusammenhalten. Sie zeigen auf eine berührende Art, dass die Arbeitswelten sich ändern mögen (und politische oder gesellschaftliche Anpassungen grundsätzlich mitunter beängstigend lahm hinterherhinken), die Menschen sich in ihren Grundzügen aber nicht so sehr verändern. Für Menschlichkeit finden sich immer eigene Wege.

Berit Glanz - Automaton

Bibliografische Angaben

Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1438-2
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022

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