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Asako Yuzuki – Butter

Die Journalistin Rika arbeitet für ein Magazin und wird auf den Fall von Manako Kajii aufmerksam. Die junge Frau sitzt als potenzielle Serienmörderin im Gefängnis. Sie wird verdächtigt, mehrere Geliebte zuerst mit Kochkünsten verführt und dann in den Tod getrieben zu haben. Neugierig geworden schreibt Rika Briefe ins Gefängnis und hofft, so den Kontakt für ein Exklusivinterview herstellen zu können.

Mit einem kleinen Kniff gelingt ihr das tatsächlich. Manako sagt zu und Rika tauscht sich mit ihr bei Besuchen über ihr Leben, ihre Wünsche und ihre Leidenschaften aus. Immer mit dem Ziel, Vertrauen zu schaffen und ein OK für das Interview erhalten. Die Journalistin merkt schnell, dass sie sich mehr für Manakos Leidenschaft, das Kochen und Essen interessieren muss, um eine bessere Basis für die weitere Arbeit zu bekommen. Sie, die sich bisher mit Fertiggerichten aus dem Konbini versorgt hat oder im Restaurant essen war, beginnt mit eigenen Gehversuchen in der Küche. Vieles auf Geheiß von Manako selbst, die sie mit Tipps zu Gerichten und Restaurants versorgt.

Ein Exot in der Küche

Da es im Buch tatsächlich enorm um Essen, Essen und nochmals Essen geht, scheint mir der Vergleich sehr angemessen: Asako Yuzuki tischt reichlich auf und Butter bekommt quasi eine Hauptrolle. Und nicht einfach irgendeine. Manako Kajii ist fast besessen von Butter als alles veredelnde Zutat. Essen hat bei ihr oft genug eine erotische Komponente und sie kann ausgiebig über die Unterschiede verschiedener Sorten dozieren. Vor allem die teuren haben es ihr angetan. In einem Land, wo Standardbutter durchaus 3 Euro kosten kann, empfiehlt sie für einige Gerichte auch schon mal Butter aus Delikatessläden für locker das doppelte (2015 gab es in Japan sogar Buttermangel und die leeren Regale im Roman, der 2017 herauskam, spielen wahrscheinlich darauf an).

Wie sich im Lauf des Buchs zeigen wird, fordert Manako für sich immer mit höchsten Ansprüchen. Da passt Butter sehr gut rein, denn sie ist eher ein Exot in der japanischen Küche. Milchwirtschaft, wie wir sie aus Europa kennen, gab es erst im frühen 20. Jahrhundert und ich kann mir gut vorstellen, dass Manako sich mit ihrer Vorliebe sehr bewusst abheben will.

Üppig gedeckter Tisch

Butter spielt auch im übertragenen Sinn eine Rolle. Die leicht formbare Speise steht symbolisch für die Rolle der Frau in der Gesellschaft — das zweite große Thema in Yuzukis Roman. Es ist eben die Frau, die sich ständig anpassen soll und der alltägliche Sexismus zieht sich durch in zahlreichen bewusst gewählten Szenen. Bloß nicht zu dick sein (was praktisch alles umfasst, was nicht sehr zierlich ist), nicht zu selbstbewusst, nicht zu fordernd. Manako Kajii zieht nicht nur Ärger auf sich, weil ihr mehrere Morde zur Last gelegt werden. Auf Mitgefühl jedweder Art muss sie verzichten, weil sie all das verkörpert, was eine Frau eben nicht zu sein hat. Sie geht ihrer eigenen Lust nach und sieht überhaupt nicht ein, warum ihr das nicht zustehen sollte.

Auch Rika, die auf Grund ihrer Recherchen mit Kochen beginnt und regelmäßiger isst, wird diese Erfahrung machen. Ihr Freund findet, „sie lasse sich gehen“. Dabei hat sie gerade mal das, was als Normalgewicht zählt. Wie piesackig Männer zu japanischen Frauen sein können, das fängt schon früher an. Ich kenne jemanden, der Süßes wie Kuchen, Eis oder Bonbons abgezählt oder verboten wurde, damit sie bloß nicht ihre Figur verliere. In so einer Umgebung ist die Leidenschaft für das Kochen mit Butter wohl tatsächlich die ultimative Herausforderung.

Es klingt hart, aber zuzunehmen ist nicht gut. Ich habe keine Idealvorstellung vom Körper einer Frau, aber es könnte so aussehen, als würdest du dich gehen lassen. Das wirkt nicht vertrauenswürdig.

aus einer SMS an Rika

Das kleine Kammerspiel

Rikas Recherchen verlaufen alles andere als einfach. Manako erweist sich als unberechenbare Gesprächspartnerin, die mal fröhlich Auskunft gibt und sich dann wieder beleidigt in ein Schneckenaus zurückzuziehen scheint. Rika und später auch ihre Freundin Reiko verstehen nach geraumer Zeit, dass Manako ein hoch manipulativer Mensch ist. Alle Männer, mit denen sie Beziehungen eingegangen ist, hat sie gezielt ausgesucht, um ihre Vorstellungen von Beziehung und Verwöhnprogramm durchzusetzen. Was sie tut, spiegelt das Vorgehen von Männern, wie sie Ryu Murakami zum Beispiel in Audition portraitiert hat. Es wird allerdings eine Weile dauern, bis Rika und Reiko dahinterkommen und als es so weit ist, hat Manako schon andere Strippen gezogen und neue Spielchen begonnen. Sie wendet sich plötzlich gegen die beiden Frauen.

Du siehst nur, was sie dir zu zeigen bereit ist. Du musst die Wahrheit aus ihr herauskitzeln und ihr Fragen stellen, die in die Tiefe gehen. Du musst Dinge aus ihr herausholen, die sie dir nie sagen wollte.

Es gibt allerdings eine Klammer, die Reiko und Rika zusammenhält und über die Manako nicht verfügt: Echte Freundschaft und Solidarität. Die wird am Ende bitter nötig sein. Rika wird Manako durchschauen und als sie es schafft, wehrt sich die Verdächtige mit den Mitteln, die sie am besten beherrscht. Manipulation.

So schön Asako Yuzuki auftischt, so überfressen bin ich aber auch am Ende. Ein wildes Durcheinander, von dem ich nicht mehr recht weiß, was so alles dabei war und manch ein Gang erschien mir überflüssig. Es ging ein bisschen arg viel ums Essen. So ganz folgen konnte ich auch nicht immer – ich verstehe bis heute nicht, was mit Reiko und Rika mental wirklich passiert ist. Es tauchen unerfüllte Kinderwünsche auf, getrennte Ehen und wiedergefundene Töchter, ein mir völlig unverständliches Abtauchen bei einem ehemaligen Bekannten von Manako. Dafür wird am Schluss alles gekittet. Mit Essen unter Freunden natürlich. Wenn mir der Roman etwas auf den Weg gibt, dann wenigstens eine Idee davon, wie gut uns Freundschaften und das Genießen tun.

Asako Yuzuki - Butter

Bibliografische Angaben

Verlag: Cass Verlag
ISBN: 978-3-944751-18-4
Originaltitel: Yo Jō
Erstveröffentlichung: 1952
Deutsche Erstveröffentlichung: 2020
Übersetzung: Katja Cassing

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