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Berit Glanz – Pixeltänzer

Elisabeth ist Junior-Quality-Assurance-Tester mit “Can-Do-Ausstrahlung”. Ihr Spitzname Beta sorgt dafür, dass sie inzwischen wirklich alle Witze über Beta-Tester für Software kennt (sehr nervig, denn genau das ist sowieso ihr Job). Sie arbeitet in einem coolen Software-Startup mit Flipper, Club-Mate und Kombucha und ihre Freizeit verbringt sie mit Teambuilding-Maßnahmen. Freunde außerhalb ihrer Job-Szene oder Kontakte dorthin sind mehr als mager. Also löst Tinder die Frage nach Affären und eine innovative App übernimmt das tägliche Wecken. Dieses “Dawntastic” sorgt dafür, dass zur eingestellten Weckzeit ein zufällig ausgewählter Anrufer aus einer beliebigen Ecke der Welt für ein dreiminütiges Telefonat durchgestellt wird.

Dawntastic würfelt eines Tages den User Toboggan aus Kalifornien aus, der Elisabeth wegen seines Profils auffällt; Name und Bild machen sie neugierig. Er spricht Deutsch und ist ebenfalls in der IT-Szene unterwegs. Die App macht einen erneuten Kontakt aber nicht möglich. Elisabeth recherchiert und versucht, Namen und Bild anders auf die Spur zu kommen. Toboggan lässt sich tatsächlich auf das Spiel ein und sendet gelegentlich weitere Hinweise.

Eine kleine Schnitzeljagd

Während Pixeltänzer zu Beginn gar nicht so griffig war, wurde der Roman nach den ersten Kapiteln immer, immer besser: Es wird deutlicher, wie Glanz ihre Struktur anlegt, die Handlung wird interessanter, kleine Abzweigungen oder Hinweise ergeben immer mehr Sinn. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit wie das Gespräch mit einem Itamae, einem gelernten Sushi-Koch, der ihre schnelllebige IT-Welt ins Verhältnis setzt:

Ich habe ungläubig gestaunt: Seine Ausbildung hat fünf Jahre gedauert! Ich kenne niemanden, der länger als fünf Jahre in einem Startup gearbeitet hat, bevor es zu einem Verkauf oder einem Börsengang kam. Nach einigen Jahren werden die meisten ungeduldig … Kosei hat fünf Jahre sein Handwerk perfektioniert und ich weiß nicht, ob ich das traurig oder wunderbar finden soll.

Das Buch ist ein kleines Netzwerk auf verschiedenen Ebenen und spielt auf Erzählebene, wie ich finde, raffiniert mit den Netzwerkstrukturen, die Beta und ihre Kollegen entwickeln. Jedes Kapitel wird zum Beispiel mit einer passenden Begriffserklärung aus der IT eingeleitet oder entsprechenden Programmierzeilen. Gleichzeitig macht sich Glanz über die bewusst unkonventionell gestrickten und ewig wechselnden Motivationstechniken der Szene lustig, die eigentlich nur über die miserablen Arbeitszeiten und den Druck hinwegtäuschen sollen.

“Wissenslücken wollen mit Geschichten gefüllt werden”

Irgendwann fängt man selbst an zu googeln: Die Masken der Tänzer Lavinia Schulz und Walter Holdt gibt es tatsächlich. Welche realen Elemente gibt es also noch? Welche Elemente hat Berit Glanz erfunden? Und immer schwirrt im Hinterkopf die Frage, was die Tänzer in diesem Roman zu suchen haben. Schulz und Holdt vertraten eine neue Kunstform, die alles mögliche radikal verändern wollte. Keine gefälligen Tänze, Nacktheit auf der Bühne, Zwölftonmusik. Für ihre Visionen verzichteten sie um Gegenzug auf regelmäßige Engagements und gutes Geld.

Beta bekommt Spaß an der Idee, selbst irgendetwas Lavinia-artiges zu gestalten. Toboggans Geschichte liefert eine erste Idee dazu. Während Widerstand in Troll von Michal Hvorecky lebensgefährlich ist, wird Beta zu einem leichtfüßigen Pixeltänzer, der die Bedingungen gegeneinander ausspielen kann. Beta selbst entpuppt sich als “Beta-Version”, einer Person, die das Ende ihrer Geschichte anders erlebt als den Anfang. Pixeltänzer ist ein überzeugendes Puzzle aus so vielen Bausteinen geworden und ich weiß jetzt, was Ute Weber damit gemeint hat:

Bibliografische Angaben

Verlag: Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-192-6
Erstveröffentlichung: 2019

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