Wer Tschechien besucht, kommt in der Regel in der Hauptstadt Prag vorbei. Ob als Zwischenstopp oder Hauptreiseziel? Egal. Bei der Auswahl eurer Ziele und Besichtigungsrouten in der Hauptstadt sind die buchlastigen Orte sehr lohnenswert: die Prager Bibliotheken.
Bibliothek im Klementinum
Sehr zentral liegt das Klementinum, auch Clementinum. Ein Eingang zum Gebäudekomplex liegt direkt an der Karlsbrücke; ein anderer am Mariánské náměstí (Marienplatz), in direkter Nachbarschaft zur städischen Bibliothek. Beide Gebäude gehören zum Unesco-Welterbe, denn in Prag zählt das gesamte historische Zentrum dazu.
Das Klementinum in der Altstadt (Staré Město) beherbergt eine großartige Sammlung von über 27’000 Büchern in einem prächtigen Barocksaal, der seit seiner Eröffnung 1722 unverändert blieb. Der Bibliotheksbestand gehört heute zur tschechischen Nationalbibliothek und geht in Teilen auf den Bestand des ehemaligen Jesuitenklosters auf diesem Areal zurück.

Im Gegensatz zur Stifstbibliothek St. Gallen kann man den Saal leider nicht betreten. Um ihn überhaupt sehen zu können, muss man eine 45-minütige Tour buchen, zu der auch der astronomische Turm des Klementinums gehört. Doch auch von der Tür aus ist der Saal beeindruckend genug. Spiralsäulen tragen das obere Geschoss und üppige Malereien zieren die Decke. Im Zentrum des Saals reihen sich alte Globen und mechanische Uhren; Tafeln im Vorraum erläutern die Details dazu. Während der Führung gewährt der Guide etwas Zeit, um sich damit zu befassen.
Einen Teil der Stimmung macht sicher auch die Beleuchtung aus: Um die originale Einrichtung zu schützen, ist das Licht gedämmt und das verleiht dem Saal einen gewissen Hauch von Mystik. Als ob jederzeit ein Mönch mit Kerzenhalter um die Ecke kommen könnte.
Wichtig zu wissen: Die Tickets für die Tour sollten im Voraus gebucht werden. So könnt ihr die Besuchszeit festlegen. Während der typischen Touristensaison sind oft kaum spontane Käufe am Schalter direkt im Klementinum möglich.
Der große Lesesaal sowie weitere Bestände der Nationalbibliothek liegen ebenfalls auf dem Gelände des Klementinums und sie sind auf den Lageplänen im Hof auch ausgeschildert. Der Lesesaal ist nicht in derselben üppig-barocken Pracht gestaltet, aber nicht minder attraktiv. Immerhin ist er im alten Refektorium untergebracht. Zugänglich ist er allerdings nur für registrierte Nutzer. Daher muss ein Foto reichen:

Prager Stadtbibliothek
Deutlich jünger ist das Gebäude der Stadtbibliothek Prag (Městská knihovna v Praze) am Mariánské náměstí (Marienplatz); es wurde 1928 fertiggestellt. Bekannt geworden ist allerdings nicht das Gebäude, sondern das, was darin steckt: Eine durch Instagram inzwischen ziemlich populäre Buchskulptur. Zu diesem Reiseziel habe ich einen eigenen Artikel geschrieben, weshalb ich mich hier kurz fasse. Je nach Tageszeit muss man ein wenig Geduld mitbringen, um jene 8000 gestapelten Bücher zu sehen. Oft stehen die Wartenden bis weit auf die Straße hinaus.
Bibliotheken im Strahov-Kloster
Oberhalb Prags liegt der Prämonstratenserstift, schlicht benannt nach dem Berg, auf dem es liegt: das Strahov-Kloster. Es ist ein sehr altes Kloster, das seine Ursprünge im 12. Jahrhundert hat. Da es nach wie vor bewohnt ist, sind nur wenige Gebäudeteile zugänglich und für Bibliotheksfans auf alle Fälle die wichtigsten. In Zahlen gesehen beherbergt die Strahovská knihovna, die Strahov-Bibliothek, mehr Werke als die historische Bibliothek im Stadtkern: Rund 200’000 Bücher sollen hier stehen.
Der älteste Bibliothekssaal ist der Theologische Saal, der zwischen 1671 und 1674 gebaut wurde. Hier geht es deutlich kleiner und geradezu gemütlicher zu als im Klementinum. Die zweistöckige Philosophen-Halle entstand über 100 Jahre später, 1794. Die Bücher auf der oberen Galerie erreicht man über Wendeltreppen. Nur zu sehen sind sie freilich nicht. Die Bauherren haben alle Zugänge zu den Treppen hinter falschen Buchrücken versteckt, um einen ungestörten Gesamteindruck zu erhalten.

Früh am Tag unterwegs, war es kein Problem, Eintrittskarten direkt vor Ort zu bekommen. Mit normalen Eintrittstickets kommt man aus konservatorischen Gründen allerdings nicht in die Säle selbst, um direkt vor den Regalen seinen Rundgang zu machen. Diese Chance hat nur, wer eine geführte Tour bucht – und das muss im Voraus erledigt werden. Damit wandelt das Kloster, wenn man so will, auf seinen eigenen Spuren. Gerade die klassizistische Philosophische Halle war ursprünglich für die Öffentlichkeit gebaut worden, um die Aufhebung des Klosters zu verhindern. Aber nicht nur. Die Mönche hatten noch ein ganz anderes Problem: Sie hatten für ihren Buchbestand schlicht keinen Platz mehr.
Einer durfte übrigens ohne Ticket in die Philosophische Halle: James Bond. Der Bibliothekssaal bot die Kulisse für ein englisches Regierungsgebäude für den 2006 erschienenen Film „Casino Royale“.

Der Gang, der beide Räume verbindet, nennt sich Kuriositätenkabinett, denn Klöster und Bibliotheken sammelten früher mehr als nur Bücher. Man sammelte alles, was im weitesten Sinne mit Wissen zu tun hatte. Und so findet sich neben zahlreichen Globen in einer Ecke zum Beispiel eine „Holzbibliothek“: Die Bücher in diesem Schrank bestehen aus jeweils einem bestimmten Holz und enthalten von Rinde über Wurzeln bis Samen alles erdenkliche, was mit dieser Holzsorte zu tun hat. Eine so umfangreiche „Xylothek“ wie diese sind selten. Die Aufsicht im Gang stellt Info-Karten in mehreren Sprachen zur Verfügung (die beim Verlassen des Gangs wieder abgegeben werden).
Bonustipp: Spart euch das Tanzende Haus, außer, ihr seid ohnehin gerade in der Nähe. Viel interessanter für Architekturfans finde ich das Fragment House mit der Lilith-Statue in der Nähe der Metrostation Invalidovna. Und ebenso wie der rotierende Kafka-Kopf dreht Lilith angeblich auch den ihren (was ich allerdings nicht beobachten konnte).
Alle Fotos: Ionna und Bettina Schnerr
