Nitani führt als Büroangestellter ein Leben, wie es sich ein Drehbuchschreiber nicht besser ausdenken könnten: Solide Arbeit, Überstunden zur richtigen Zeit, und wenn es sein muss, auch am Wochenende. Alles andere ist gar nicht so wichtig. Fürs Essen spät am Abend genügen die Instantnudeln aus dem Konbini vollauf, und irgendwann heiratet man ohnehin eine nette Frau, die für einen sorgt.
Seine Kollegin Ashikawa könnte beispielsweise dafür in Frage kommen. Eine liebenswürdige Frau, immer nett, und eine, die anfängt, immer wieder selbst gemachtes Gebäck in die Firma mitzubringen. Oder doch eher die direktere Oshio, mit der man in den Kneipen abhängen und Bier trinken kann? Nitani beginnt eine lose Beziehung zu Ashikawa, die ihn nun zu Hause öfter bekocht und hofft, dass er nie wieder Instantnudeln essen würde. Gleichzeitig macht er in der Kneipe das, wofür japanische Kollegenabende da sind: Er zieht mit Oshio über die emsig backende und kochende Kollegin her.
Essen gegen die Ungerechtigkeit
In Junko Tawases „Richtig gutes Essen“ geht es um wirklich kaum etwas anderes. Die Bürogemeinschaft schätzt gemeinsames Essen, unterhält sich darüber und — natürlich — isst auch gemeinsam. Vom Konbini-Menü bis zum selbst gemachen Bento von zu Hause ist alles dabei. Manchmal sorgt der Chef für einen spontanen Besuch in einem nahen Restaurant, und scheint gar beleidigt zu sein, wenn einige der Mitarbeitenden sich dennoch für ihr Bento entscheiden.
Als Ashikawa beginnt, für den Nachmittag immer wieder Gebäck mitzubringen, kippt Nitanis Zuneigung zu ihr. Ashikawa ist nämlich die einzige, die praktisch keine Überstunden macht. Große Anteile ihrer Arbeit bleiben auf anderen Tischen liegen. Statt harter Arbeit im Büro investiert sie ihre Freizeit in tadellose Buttercreme-Überzüge, handtellergroße Cookies und fruchtige Tartes.
Instinktiv spüren Oshio und Nitani, dass sich Ashikawa bloß Sympathien erkaufen will. Mit leichtem Grauen bemerken sie, dass ihre Kalkulation bei den meisten auch aufgeht. Ihre Backkünste sind tatsächlich so gut, dass viele keine Kritik am Arbeitseinsatz mehr wagen – nicht zuletzt fühlt es sich an, als könnten sie dann auch keine Süßigkeiten mehr annehmen. Obendrein stimmt auch nicht immer die Zahl der Gebäckstücke. Ashikawa verteilt sie vor allem dann gerne persönlich, wenn der eine oder andere deswegen großzügig verzichtet hat. Umso mehr fühlt sich ein Cookie wie ein Privileg an.
In die Falle gegangen
Junko Takase wirft über das Thema Essen einen neuen Blick auf die Dynamik einer Bürogemeinschaft. Selbst in einem sachlich-neutralen Umfeld ist die Essenszubereitung so hoch angesehen, dass sie mehr Wert erhält als ein rechtzeitig und gemeinschaftlich abgeschlossenes Projekt.
Dabei kann Ashikawa offenbar auch nichts anderes in die Waagschale werfen. Sie verkörpert den klassischen Typ Hausfrau, wie ihn sich die japanische Gesellschaft wünscht — vielleicht ein bisschen zu arg gezeichnet: Leicht hilflos, aber häuslich. Zart besaitet, aber fürsorglich. Der Chef ist ihr längst auf den Leim gegangen und Nitani tut es zunächst ebenfalls.
Ganz anders Oshio, die mit Energie arbeitet, sich gezielt fortbildet (im Gegensatz zur ständig schwänzenden Ashikawa), auch schon mal Kopfschmerzen ignoriert. Sie hat Interessen, die sie herausfordern und Zukunftspläne, die wenig mit einem Mann zu tun haben. Nitani und Oshio rebellieren bald schon gegen Ashikawas Manipulation und bringen das austarierte Gefüge im Büro durcheinander – mit unvorhersehbaren Folgen.
Die zweite Ebene

So ganz allein um Frauenbilder und Manipulation geht der Roman allerdings auch nicht. Ashikawa, die Manipulatorin, manipuliert auch die herkömmliche Vorstellung von Arbeit. Vor allem: lange Arbeitszeiten. Oshio ist diejenige, die sich den Regeln bewusst einfügt und nicht hinterfragt. Nicht einmal, wenn es ihr nicht gutgeht. Nitani ist derjenige, der einfach mitmacht, weil es alle so tun. Er hat frühere Ziele liegenlassen, weil es bequemer war, so zu sein, wie alle anderen.
Ashikawa ist auch bei dieser zweiten Ebene der Störfaktor. Sie zeigt, dass es ein Leben außerhalb der Arbeit gibt. Eines, das besseres Essen ermöglicht. Eines, das Ruhe bei Krankheit zulässt und Fürsorge. Nitani steht um übertragenen Sinn zwischen zwei Frauen: Weitermachen wie bisher oder zu anderen Zielen zurückkehren?
Mich würde sehr interessieren, ob ein japanisches Publikum die Namen der Figuren „mitliest“ und so einen weiteren Zugang zum Roman hat. Nitani, 二谷, wird mit den Zeichen für „zwei Täler“ geschrieben. Unterstreicht das die Überlegung, dass er eine Entscheidung treffen muss? Der Vorgesetzte Fuji, 藤, benutzt das Kanji für Wisteria, eine zwar prachtvolle, aber eben auch giftige, schnell wachsende, invasive und aggressiv wachsende Pflanze – einnehmend, wie das japanische Arbeitswesen. Bei Oshio, 押尾, steht das erste Zeichen für Druck oder Schub, bei Ashikawa, 芦川, für Rohrkolben: Junge Triebe sind essbar, man kann damit flechten und die Kolben kann man sogar als Zunder benutzen. Abgesehen von schönen Naturbildern im Kopf scheint 芦 insgesamt sehr nützlich zu sein.
„Richtig gutes Essen“ ist also ein richtig gutes Buch. Vielschichtig, klug, pointiert und stellenweise komisch.
>> Das Buch erhielt 2022 den Akutagawa-Preis.
Bibliografische Angaben
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-7558-0085-9
Originaltitel: Oishii gohan ga taberaremasu yō ni (おいしいごはんが食べられますように)
Erstveröffentlichung: 2022
Deutsche Erstveröffentlichung: 2026
Übersetzung: Yoko Ann Hamann
