In der Bretagne machen sich 1906 zahlreiche Schiffe für den Fischfang vor Island bereit. Zu den Seeleute gehört Olier, dessen Familie auf die Erlöse aus dem Fang angewiesen ist. Rund 100 Jahre später reist die Genetikerin Maris von Reykjavik aus in die Ostfjorde Islands. Sie untersucht eine Schaf-Chimäre auf einem entlegenen Bauernhof. Ein Wetterumschwung zwingt sie zum Bleiben und so nutzt sie die Zeit, in alten Dokumenten zu lesen. Dazu gehört auch das Tagebuch von Sólrún, die einst den Sommer über in einem Spital am Fjord gearbeitet hatte.
Berit Glanz erzählt die Geschichte über zwei Zeitebenen, die in jenem Bauernhaus zusammenlaufen. Ein Erzählstrang begleitet Olier und die anderen Fischer auf ihrer kräftezehrenden und gefährlichen Reise. Regelmäßig machen die Franzosen Zwischenhalt in den Ostfjorden. Sie füllen Vorräte auf und haben dort für die Versorgung kranker und verletzter Fischer extra ein Krankenhaus gebaut. Als sein Cousin Henri versorgt wird, lernt Olier die einheimische Helferin Sólrún kennen. Sólrún ist die Großmutter jenes Schafbauern, den Maris besucht, und Sólrúns Tagebuch erzählt den historischen Strang aus ihrer Perspektive weiter.
Die Unplanbarkeit des Lebens
Über wenige Monate hinweg taucht das Buch intensiv in die isländische Geschichte ein, die überraschend eng mit Nordfrankreich verbunden ist. Spitäler wie das beschriebene gab es mehrere in den Ostfjorden und so entstand in der Region ein regelmässiger Austausch. Wie gut ist da vorstellbar, dass sich mehr als nur eine Liebesgeschichte wie die zwischen Olier und Sólrún entwickelt hat. Eine Beziehung, die aber auch nur dann möglich ist, wenn sich irgendwann eine der beiden Seite für das Loslassen entscheiden kann.
Die Frage nach Herkunft und Heimat stellt sich unverändert auch 100 Jahre später. Maris befasst sich nicht nur beruflich mit Genetik und mit Herkunft und Vererbung auf einer wissenschaftlichen Ebene. Sie kennt ihren eigenen Vater nicht und möchte diese Lücke in der Familiengeschichte schließen. Das Handwerkszeug dazu beherrscht sie und dank guter Datenbanken sieht sie sich gut gerüstet.
Das Flugzeug war nach der ersten Tochter eines Siedlerpaares aus Norwegen benannt, die während der Landnahme Islands in den Ostfjorden am Ufer eines Flusses geboren worden war. Es erinnerte die Reisenden daran, dass die Insel erst seit einem Jahrtausend von Menschen bewohnt wurde und jede Reise ein Neuanfang sein konnte.
Vom Zufall der Heimat

Hinter den Liebesgeschichten und Lebensgeschichten sind Heimat und Herkunft für mich überhaupt die heimlichen Hauptdarsteller des Romans. „Unter weitem Himmel“ zeigt auf kleinem Raum, wie schnell Beziehungen entstehen. Wie persönliche, einst unveränderlich geglaubte Wege durch Zufälle verändert werden. Passend dazu taucht zwischenzeitlich auch das außergewöhnliche Genforschungsprojekt Islands auf, für das über ein Drittel der Isländerinnen und Isländer ihre Daten zur Verfügung gestellt haben.
In diesem atmosphärisch großartig erzählten Roman schärft sich automatisch auch ein gewisses Bewusstsein dafür, wie sich innerhalb Europas, oder auch zwischen Europa und den USA, Menschen auf den Weg gemacht haben. Beweggründe gibt es viele und die Liebe ist nur einer von vielen.
Bibliografische Angaben
Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1439-9
Erstveröffentlichung: 2025
