Martha trifft durch einen Zufall ihre große Liebe, den Elektriker Said. Der Tüftler mit den altmodischen Manieren erobert Marthas Herz im Sturm. Doch ganz so einfach lässt die Liebesgeschichte nicht fortführen. Sie reisen gemeinsam, begegnen aber auch Menschen, die ihnen ihr Glück nicht gönnen. Wie kann er bloß eine Fremde lieben?
„Du hast Recht“, sagt Martha. „Wenn die Schönheit aussen wirkt, dann kommt das Glück von innen.“
Wahrscheinlich habe ich nie weniger zur Geschichte eines Buchs geschrieben als hier — möchte ich auch nicht. Ich möchte, dass die Geschichte in all ihren Details selbst entdeckt wird. Denn die Geschichte von Martha und Said ist keine, die durch Plotskizzen, geschweige denn einen konkreten Plan, entstanden ist. Sie besteht aus lauter „gekillten Darlings“.
Das Doppelleben der Bilder
Im Lauf der Jahre entstanden im Atelier des Zürcher Illustrators Hannes Binder immer wieder Einzelbilder oder Serien für Projekte, die doch nie veröffentlicht wurden. Oder Bilder für Szenen, die am Ende keinen Platz hatten in einer Geschichte. Stets in einer unverwechselbaren Schabkartontechnik. Schwarz-weiße, detaillierte Grafik, die immer ein wenig düster wirkt.
Warum aber soll aus den aussortierten Szenen und Figuren in der Schublade, eben jenen Darlings, nicht etwas Neues entstehen?
Zum 75. Geburtstag des Künstlers hat sich Verleger Dirk Vaihinger dessen Archiv genauer angeschaut. Siehe da: In der Fundgrube steckte die Geschichte von Martha und Said — wenn man sich ein wenig von den vorhandenen Motiven an der Hand nehmen lässt. Denn für „Kill your darlings“ ist selbstverständlich nicht ein einziges neues Motiv geschabt worden. So entsteht eine etwas eigenwillige Story, es taucht unvermutet eine Reise nach Paris auf, gereist wird im Zeppelin und sie erleben Tage in Marokko. Doch genau das macht den Charme der Geschichte aus: Die Möglichkeit, etwas zunächst ungeeignetem frisches Leben einzuhauchen; der Wille, in der Mottenkiste nach interessanten Zusammenhängen zu suchen, Bilder anders zusammenzusetzen, um einen gemeinsamen Erzählbogen in unterschiedlichen Projekten zu finden.
Das Doppelleben der Darlings enthüllt ein Quellenverzeichnis, das alle knapp 50 Motive den unveröffentlichten Projekten zuordnet. Darunter sind Suchbilder oder Magazin-Illustrationen. Aber vor allem sind es Bilder aus zahlreichen Projekten rund um Friedrich Glausers Werk, dem Hannes Binder in verschiedenen Graphic Novels seit 1988 ein Gesicht gegeben hat. Und so entsteht tatsächlich noch eine kleine Geschichte nach der Geschichte, die zu einer Mini-Werkschau der vorigen 25 Jahre von Binders Schaffen wird.

„Kill your darlings“ erfüllt also durchaus mehrere Ansprüche. Es ist ebenso ein Buch für Binder-Fans wie Menschen, die eine originelle Buchentstehung schätzen und kennenlernen möchten.
Bibliografische Angaben
Verlag: Limmat Verlag
ISBN: 978-3-03926-046-1
Deutsche Erstausgabe: 2022
