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Ursula Hasler – Die schiere Wahrheit

Das kleine französische Seebad Saint-Jean-de-Monts wird Schauplatz einer denkwürdigen Begegnung. Der Schweizer Arzt Doktor Schöni, allabendlicher Bridgepartner von Georges Simenon, stellt dem Belgier seinen Landsmann Friedrich Glauser vor. Welch ein Zufall, dass ausgerechnet hier zwei solch bedeutende Schriftsteller anwesend sind — sie einander nicht vorzustellen, wäre unverzeihlich. Die beiden finden auch praktisch sofort einen Draht zueinander, spazieren den Strand entlang und tauschen sich über ihre Arbeit aus. Bis Glauser den entscheidenden Satz sagt: „Man müsste das mal an einem Fall ausprobieren!“ Und so geschieht es — die beiden beginnen spontan einen Kriminalroman. Simenon, der Maigret gerade erst für mehrere Jahre „beurlaubt“ hat, erfindet mit der neugierigen Krankenschwester Amélie Morel eine passende Ersatzfigur. Glauser steuert seinen Kommissär Studer bei, den er mit einem klugen Dreh in der Geschichte offiziell ins Seebad holen kann.

In nur einem Tag entwickeln die beiden einen herrlich verwickelten Kriminalfall, in dessen Mittelpunkt ein wohlhabender toter Geschäftsmann steht. Die Frau des Toten widerspricht sich bei der Identifizierung. Auf Druck einer einflussreichen Familie soll der Fall, kaum ist Studer samt Ehefrau am Atlantik angekommen, schon wieder eingestellt werden. Amélie Morel versucht verbissen, wie Studer zu denken und ihm bei „Verhören“ zuvor zu kommen. Verärgert stellt sie fest, dass Studer es zwar ein wenig leichter hat und trotzdem findet sie Informationen, die er wiederum nicht hat. Die Kunst ist nun, die Informationen mit einem Profi abzugleichen, der sich gewiss nicht für die Neugier einer kleinen Krankenschwester interessiert.

Warum die Entlarvung des Täters nicht das Wichtigste ist

Ursula Hasler baut zwei Erzählebenen abschwechselnd zusammen, vom Verlag mit unterschiedlich grauem Papier gekennzeichnet. Immer wieder unterbricht der „Kriminalroman“ und die beiden Autoren, Georges Simenon und Friedrich Glauser, fachsimpeln über das Schreiben. In diesen Passagen merkt man, wie intensiv sich Hasler mit den beiden Autoren befasst hat – wüsste man nicht, dass sich die beiden nie begegnet sind, könnte man die Gespräche glatt für bare Münze nehmen. Der Clou ist: Zumindest ein Mal hätte es theoretisch gepasst, im Sommer 1937 an der Atlantikküste. Dieser biografische Zufall reicht Ursula Hasler für dieses geniale Revival.

Und so spinnt der eine lebendig die Einfälle des andern weiter, nicht ohne Debatten. Da ist Glauser, der seine Texte aus Unzufriedenheit ständig umschreibt, da ist Simenon, der das Überarbeiten gar nicht mag und ‚die Qualitäten des Instinktiven‘ schätzt. Aber eines haben sie gemeinsam: Beide mögen keine reinen Rätselkrimis, die ‚wie Brettspiele‘ funktionieren.

Glauser meint zögernd: Nicht wahr, die Handlung eines Kriminalromans kann man gewöhnlich auf drei Seiten erzählen. Der Rest sind Füllsel. Eigentlich ist das Problem nur das, was man mit diesen Füllseln anstellt.
Simenon lacht laut heraus, perfekt! Um das Füllsel geht es mir, die vielen kleinen Dinge, die den Alltag der Menschen bestimmen, sie beschäftigen, ihnen das Leben erschweren, deren Häufung manchmal so unterträglich ist, dass ein Verbrechen passiert.

Als am Ende Recht und Gerechtigkeit auseinander driften, gefällt die Auflösung weder dem Kommissär Studer noch Mademoiselle Morel. In einem letzten gemeinsamen Stück Arbeit suchen Glauser und Simenon eine Lösung, die beide Autoren besser zufrieden stellt. Denn auch das setzt Hasler ausgezeichnet um: Bei Glauser und Simenon leiden Leser und Ermittlerfiguren mit einem schuldigen Opfer und von dem „man eigentlich nicht möchte, dass es hinter Riegel und Gitter muss, weil das Leben es bereits hart genug bestraft hat“.

Mir gefällt außerordentlich gut, wie Hasler sich in den Stil, die Denkweisen und die Vorgehensweise zweier Literaturgrössen einfühlen konnte und recherchiert hat. Herausgekommen ist kein bemühter Roman, sondern definitiv ein höchst lebendiges Geschehen. Eines, das das Gefühl hinterlässt: Ja, so könnte eine Begegnung der beiden abgelaufen sein und ja, dieser Roman würde perfekt zu ihnen passen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Limmat Verlag
ISBN: 978-3-03926-020-1
Erstveröffentlichung: 2021

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