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Eula Biss – Was wir haben

Wie viele Menschen werden groß mit dem Credo, irgendwann müsse man für ein lebenswertes Leben ein eigenes Haus haben? Ist es dann so weit, teilen sich die Häuschenbesitzer nach wenigen Jahren in zwei Gruppen. Die einen sind wohl zufrieden. Die anderen merken, dass das eigene Haus nicht wirklich das ist, was sie haben wollten oder was sie brauchten.

Eula Biss gehört zur zweiten Gruppe. Ihr drittes Buch, ein großer Verkaufserfolg, sowie eine Festanstellung als Professorin für Nonfictional Writing an einer Privatuniversität, ermöglichten ihr den Kauf eines 500.000-Dollar-Eigenheims am Lake Michigan. Kaum ist sie drin, fühlt sie sich gefangen in einem Netz aus Verpflichtungen und beginnt, über ihren Besitz im Besonderen und Besitz im Allgemeinen zu grübeln. Sie fragt sich, wie Konsum und Kapitalismus funktionieren und wie unser Wirtschaftssystem organisiert ist. Klingt nach trockenem Wirtschaftsbuch? Das ist es sicher nicht. Denn Biss‘ Ausgangspunkte sind persönliche Alltagsbeobachtungen, die sie in kleinen Essays für sich in einen Zusammenhang bringen möchte.

Alleine die Zeit nach dem Hauskauf wirkt mit Überforderung auf die Familie. Einige Räume bleiben leer, weil die plötzlich vorhandenen Möglichkeiten einfach zu viele sind. So schön Möbel sind, fragen sich die Bliss‘ aber auch, ob sie Geld für Kommoden ausgeben sollen, die bewusst zu reinen Konsumgütern mit begrenzter Haltbarkeit gemacht wurden. Prompt steht eine Mexikanerin vor der Tür, die vergeblich versucht, einen der Räume zu mieten. Leerstand in einem großen Haus passt nun mal nicht in das Konzept von „Wohnen“. Wie aber soll man ein Haus füllen, wenn schon die Wahl der Wandfarbe eine Herkulesaufgabe ist?

Dann kommt der Katalog von Restauration Hardware, wie eine Parodie der Situation, in zwei Bänden, von denen jeder so umfangreich ist wie ein Telefonbuch. Sie sind größer und schwerer als die zweibändige ‚Illustrierte Englische Gesellschaftsgeschichte‘ meines Großvaters.

Ein Leben mit Widersprüchen

Von Beginn an ist Was wir haben ein Buch voller Widersprüche und anders kann es auch gar nicht sein. Die Privilegien, die Eula Biss genießt, schaffen ihr neue Chancen, damit aber auch Abhängigkeiten, die sie zuvor nicht hatte. Annehmlichkeiten funktionieren oft nur auf Kosten anderer und sind mit weiteren Widersprüchen durchwachsen, stellt Eula Biss fest. Ihr Paradebeispiel dafür ist die Familie Guggenheim, die mehrfach im Buch auftauchen wird.

Benjamin Guggenheim zum Beispiel stirbt beim Untergang der Titanic, weil er bei seinem Butler bleibt. Jener durfte als Schwarzer nicht in die Rettungsboote. Benjamin wollte die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren und blieb lieber an dessen Seite. Später profitiert Bliss von einem wohltätigen Stipendium der Guggenheim-Foundation für ihr drittes Buch. Das war alles sehr wohltönend, bis die Dozentin feststellte, dass das Stipendiengeld, das ihr Buch und Haus ermöglicht hatte, durch Gold-, SIlber- und Diamantenminen erwirtschaftet worden war. Ob es moralisch integeres Geld gibt? Diese Überlegung wird ihr immer wieder begegen. Auch dann zum Beispiel, als ein Berater mit ihr die Anlageoptionen für die Altersvorsorge plant. Oder als ein Bekannter ihr von den speziellen Tickets im Vergnügungspark erzählt. Für 100 Dollar zusätzlich darf man sich überall auf eigens eingerichteten Zugangsbahnen „vordrängeln“ und den anderen den Spaß vermiesen.

Und doch ist mir klar, dass mein Beruf deshalb ‚gut‘ ist, weil ich an einer Eliteuniversität arbeite … und meine Studierenden bereits gebildet sind. Die meisten sind auch reich. Wenn sie nicht reich sind, verlassen sie die Universität mit Schulden, die -zugegebenermaßen- nicht mit dem von mir unterrichteten Dingen abbezahlt werden können.

Ein anderes Beispiel liefert ihr Amazon. Die Angestellten würden sich häufiger verletzen als Holzfäller, schreibt sie — um einige Seiten später zu erwähnen, dass aber just Holzfäller als so gefährlich eingestuft werden, dass der Mann ihrer Cousine wegen dieses Berufs keine Versicherung hatte abschließen können. Wendungen wie diese bietet Was wir haben überraschend oft.

Streifzug durch die Wirtschaftsstrukturen

Immer wieder thematisiert Eula Biss die Perspektiven anderer Autoren, teils historisch, teils zeitgenössisch. Sie blickt zurück auf die Zeit, als Arbeit erstmals in Fabriken ausgelagert wurde und die bis heute anhaltende Idee entstand, nur Arbeit an einem „Arbeitsplatz“ sei produktiv und Geld wert. Wir folgen einem Konzept des 18. Jahrhunderts – ist das noch zeitgemäß?

Aus was ist der Kapitalismus, in dem wir heute leben, hervorgegangen? Entstand er aus der Emanzipation des Bürgertums vom Feudalismus? Oder ist es vielmehr eine Gegenrevolution von Feudalherren auf einen gesellschaftlichen Konflikt, der ihre Macht ins Wanken brachte? Die Experten sind sich nicht einig und Biss stellt fest, dass es sogar ein Nobelpreisjahr gab, in dem sich widersprechende Theorien ausgezeichnet wurden. Fest steht wohl nur, dass die Wirtschaft auf eine Art strukturiert ist, dass sie zwar funktioniert, aber nicht unbedingt gut, und dass die meisten Menschen sich eingerichtet haben, einfach nur um die Probleme wissend.

Die Modernisierung sollte der Welt neue Arbeitsplätze bringen, und nicht einfach irgendwelche, sondern reguläre Beschäftigungen mit festen Löhnen und Zusatzleistungen. Solche Arbeitsplätze sind heute selten. Die Ironie unserer Zeit besteht also darin, dass jeder vom Kapitalismus abhängig ist, aber keine eine feste Arbeit hat.

Was wir haben ist skeptisch, kritisch und selbstkritisch, aber es ist keine Anleitung zum anders machen. Es ist ein Denkanstoß einer Autorin, die um die Fehlstellen im System weiß und trotzdem mittendrin bleiben wird.

Unbedingt erzählen möchte ich von Danica Phelps, deren Arbeiten das Motiv für das Buchcover lieferten und deren Arbeit auch im Buch beschrieben wird. Phelps dokumentierte in ihrem Projekt Income’s Outcome zeichnerisch ihre Einnahmen und Ausgaben. Neben Zeichnungen von den Dingen, für die sie ihr Geld ausgegeben hatte, gibt es eine Serie von Papieren, auf denen sie Ausgaben mit roten und Einnahmen mit grünen Linien protokollierte – jeder Strich ein Dollar. Sowohl das Originalcover als auch das der deutschen Übersetzung greifen die Einkommensbögen auf, die einer Serie von Zeichnungen vorangestellt waren.

Bibliografische Angaben

Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26926-2
Originaltitel: Having and being had
Erstveröffentlichung: 2020
Deutsche Erstveröffentlichung: 2021
Übersetzung: Stephanie Singh

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