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Robert Macfarlane – Im Unterland

Robert Macfarlane - Im Unterland; Penguin Verlag

Wenn wir über die Welt nachdenken, in der wir leben, fällt uns eine ganze Menge ein. Von Baumbestand über die Bodenbeschaffenheit und die Insektenpopulation bis hin zur Wolkenformation. Wir erforschen die “unerforschte Tiefsee” und kraxeln im Dschungel herum, um neue Arten aufzuspüren, die wir bisher noch nicht kannten. Auch über das All über unseren Köpfen wissen wir eine ganze Menge. Interessanterweise fehlt da was: Alles, was unter der Erdoberfläche liegt. “Unterland” nennt Robert Macfarlane all die unterirdischen Regionen, von denen wir überraschend wenig Ahnung haben.

Ich hatte ganz sicher nicht erwartet, dass Macfarlane dieses Sachbuch ohne Grafiken und Fotos gestalten würde. Eher könnte man “Roman” draufschreiben: Macfarlane unternahm zu allen Orten in seinem Buch eigene Expeditionen und erzählt sehr lebendig davon, wie er dabei das Unterland entdeckte. Die Menschen, die ihn dabei begleiteten, bekommen großzügig Platz für ihre Geschichten. Mehr als einmal sitzt man mit ihnen quasi “am Tisch” und spürt die manchmal fast familiäre Atmosphäre, mit der Macfarlane auf seinen Reisen empfangen wird.

Die Vielfalt des Unterlands

Die Entdeckungsreisen sind in drei Teile gruppiert, so genannte “Kammern”, und jede beginnt mit einem Rückblick in die Vergangenheit. In kleinen Episoden reißt das Buch an, wofür unterirdische Orte früher einmal gedient haben oder gedient haben könnten. Dabei folgt Macfarlane keiner besonderen Storyline; er knüpft lose Episoden aus verschiedenen Epochen hintereinander.

Erst dann stellt er jeweils drei verschiedene Orte aus dem Unterland vor. Dabei ist die Spannbreite überraschend groß. Macfarlane bewegt sich nicht nur in Karsthöhlen und unterirdischen Flussläufen, sondern auch unter den Straßen von Paris. Die Stadt ist von einem Netzwerk unterirdischer Gänge und Kammern durchzogen, die für Partys herhalten, in denen er und seine Begleiter sogar übernachten. Aber die Katakomben sind teilweise auch am Zerfallen oder überschwemmt und erfordern, ebenso wie die Höhlenkletterei, Mut und Überwindungskunst. Jedenfall, wenn man sich wie Macfarlane nicht in den für Touristen offenen Schächten bewegt, sondern in jenen, die eigentlich verboten sind.

Er besucht Salzabbaustätten, in deren leeren Schächten sich Physiker für die Untersuchung von Elementarteilchen einrichten. Er erfährt, dass die Schächte teilweise weit unter dem Meer liegen und irgendwann von dem Gewicht des Gesteins darüber eingedrückt werden. Im Norden Europas erforscht er das Unterland der Gletscher Grönlands und einen Schacht in Finnland, der eine Saatgutbibliothek mit Pflanzen aus aller Welt beherbergt.

Das Netzwerk der Bäume

Am überraschendsten war, dass sich das Buch auch mit dem Unterland befasst, das Pflanzen und Pilze im Waldboden bilden. Macfarlane lässt sich von Biologen genau erklären, wie sie der weitreichenden Kooperation im Wald erst vor wenigen Jahren auf die Schliche kamen und welche faszinierenden Details sie bis heute schon herausfinden konnten. Die klare Verbindung zur Natur zieht durch das gesamte Buch. Ob er durch Gänge kriecht oder Meeresphänomene besucht, Macfarlane zeigt stets auch, wie sich der menschliche Einfluss auf die Orte auswirkt.

Während wir uns heute über jahrtausendealte Höhlenmalereien freuen, werden unsere Nachfahren eher unschöne Spuren finden. Schichten aus Plastik oder Autoschrott zum Beispiel. Giftmülldepots, die jahrtausendelang halten sollen. Gleichzeitig weiß niemand, wie man Warnbotschaften für Nachfahren anbringt, die dann noch lesbar oder verständlich sein werden. Das Buch zeigt damit eine logische zeitliche Kette, die vielen noch gar nicht bewusst ist: Menschliche Spuren überdauern, auch jene, die wir gerade legen. Kann uns das egal sein, wenn wir um diese Dauerhaftigkeit wissen?

Unerwartet und spannend

Nirgendwo wird klar, wie lange Macfarlane an diesem Buch gearbeitet hat, denn das wäre auf alle Fälle interessant. Er besuchte sämtliche Orte selbst und reiste auf teilweise abenteuerliche Weise unter die Erde. Er beschreibt Höhlen, die selbst in der abstrakten Erzählung beängstigend eng sind (ich kann mir nicht vorstellen, dass sich viele Naturschriftsteller an so etwas herantrauen würden). Auf den Lofoten wagte er sich im Winter alleine über einen Pass im Niemandsland (wobei ihm sein hohes Risiko ebenfalls klar war), um eine schwer zugängliche Höhle mit alten Wandmalereien zu besuchen.

Während manche Orte Lust darauf machen, selbst entdeckt zu werden, bin ich bei anderen also ausnehmend glücklich, dass ich darüber lesen kann. “Im Unterland” ist dank seines erzählerischen Konzepts eine hervorragende Möglichkeit, auf Reisen zu wenig bekannten Orten zu gelangen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-442-71887-0
Originaltitel: Underland. A deep time journey
Erstveröffentlichung: 2019
Deutsche Erstveröffentlichung: 2019
Übersetzung: Andreas Jandl, Frank Sievers

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