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Chan Ho-Kei – Das Auge von Hongkong

Chan Ho-Kei - Das Auge von Hongkong

Der Fall scheint noch nicht einmal so außergewöhnlich, mit dem Inspector Sonny Lok zu tun bekommt: Ein Firmenoberhaupt wurde mit einer Harpune ermordet und der Täter muss aus dem direkten Umfeld des tauchbegeisterten Mannes kommen. Es geht wahrscheinlich um Nachfolgefragen, Eifersüchteleien und Kompetenzgerangel. Doch so recht fehlen die Beweise und Motive. Als letzter Ausweg erscheint Lok das Einbeziehen von Superintendent Kwan Chun-dok. Kwan ist in Hongkong eine scharfsinnige Polizeilegende, die selbst die Bevölkerung kennt und der sie Respekt zollt. Kwan allerdings liegt krebskrank im Koma und kommuniziert mit Lok nur über die Verkabelung an seinem Kopf. Ganz im Stil der „klassischen“ Krimis hat Lok alle Verdächtigen ins Spital geladen. Dort will den Täter am Krankenbett mit Ja-Nein-Fragen an Kwan und dessen von einem Computerprogramm übersetzen Antworten und in die Enge treiben.

Mit diesem Setting führt Chan Ho-Kei seinen überragend guten Ermittler ein, den „Sherlock Holmes von Hongkong“, das „Mastermind“ der städtischen Polizei. Kwan arbeitete nach vielen erfolgreichen Jahren dank seiner Kombinationsgabe in der „Abteilung B“, dem Central Intelligence Bureau. Das ist der interne Informationsdienst der Polizei von Hongkong, der durch Analyse und Auswertung verschiedener Fälle wichtige Erkenntnisse für die Polizeiarbeit brachte. Nach seiner Pensionierung war Kwan als Sonderberater eingebunden. In Abteilung B wurde er zum Mentor von eben jenem Inspector Lok, der von seinem väterlichen Freund „Shifu“ nun ein letztes Mal berufliche Hilfe anfordert.

Geschichte einer erstaunlichen Stadt

Der Clou an diesem Buch ist, dass Chan Ho-Kei jene sechs Fälle, die er Kwan lösen lässt, zwischen 2013 und 1967 rückwärts erzählt und alle Geschichten „zu einem für Hongkong entscheidenden Zeitpunkt“ ansiedelt. Mit dabei die Übergabe Hongkongs an China 1997, das Tiananmen Massaker 1989, der Konflikt zwischen der Polizei von Hongkong und der Anti-Korruptionsbehörde 1977 sowie die linken Unruhen von 1967. Eingeflochten darin sind unter anderem Expats, Triaden und ihr beängstigender Einfluss, familiäre Machtkämpfe und die Schattenseiten des Showbusiness. (Möglicherweise hat auch der Originaltitel „13.67“ mit Hongkongs Geschichte zu tun, aber ich weiß beim besten Willen nicht wie. Wer einen Tipp geben kann, ist herzlich willkommen.)

Aus Chans struktureller Idee entstehen ein Kriminalroman, ein Stadtportrait und ein Gesellschaftsroman zugleich. Während die einzelnen Fälle teils sehr klassisch daherkommen und von Rätseln und Kombinationsgabe geprägt sind, zeigt sich über das Buch hinweg das Bild einer Stadt, die auf Grund ihrer Bevölkerungsdichte und ihrer Geschichte ein paar Besonderheiten aufweist. Unterwegs verstecken sich überraschende Wendungen. Vor allem, wenn man mit den Namen warm wird uns sie sich ein bisschen einprägen. In dieser Stadt, so quirlig sie sein mag, läuft man sich verblüffend oft über den Weg.

Ein Nachwort des Autors verrät, dass auch die Schauplätze der Struktur der Stadt und ihrer Geschichte folgen. Zwar dürften das nur wenige Leser:innen erkennen. Dennoch ist es ein Gewinn, wenn man im Nachhinein von der Konsequenz liest, mit der Chan seinen Roman durchdacht hat. Die Zusammengehörigkeit, dieses Schreiben aus einem Guss, machen „Das Auge von Hongkong“ zu einer echten Empfehlung. Es ist eine große Freude obendrein, die üblichen Schauplätze in den USA und Europa verlassen zu dürfen!

Fast 600 Seiten umfasst der Kriminalroman und jede einzelne davon lohnt sich. Nicht zuletzt lässt sich das Buch dank der sechs Einzelgeschichten gut portionieren. Aber ich bin sicher, dass es nicht oft so weit kommen wird.

Bibliografische Angaben

Verlag: Atrium
ISBN: 978-3-03882-111-3
Originaltitel: 13.67
Erstveröffentlichung: 2014
Deutsche Erstveröffentlichung: 2019
Übersetzung: Sabine Längsfeld

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