Loading
Tokyo bei Nacht. Titelbild zum Artikel über Christoph Peters' Romane um den Profikiller Fumio Onisho. Foto: Alex Knight / unsplash

Die Welt mit den Augen von Fumio Onishi, Profikiller

Christoph Peters hat mehrere Romane geschrieben, in denen Japan oder die japanische Kultur eine Rolle spielen. Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln zum Beispiel, über einen Keramikkünstler, der in Deutschland unbedingt einen originalen japanischen Ofen haben will. Japan kommt dabei sehr weise und freundlich rüber, allen interkulturellen Hindernissen zum Trotz. Ganz anders läuft das in jenen Romanen mit dem Berufskiller Fumio Onishi, der in Der Arm des Kraken zuerst in Berlin wütet und dann in Das Jahr der Katze kein bisschen zimperlicher mit Gegnern in Tokyo umspringt.

Peters geht mittenrein in die Geschäfte der Yakuza. Die mag in Berlin zwischen arabischen Familienclans und vietnamesischen Organisationen nur eine mickrige Rolle spielen, aber wer einen von ihnen ermordet, wird “branchengerecht” in die Schranken gewiesen. Dafür wählt die Yakuza Fumio Onishi aus. Onishi war früher zugeordnetes Mtiglied einer Gumi, ist heute als Freiberufler weltweit unterwegs und “betreut” zahlreiche Auftraggeber.

Clanprobleme “in Ordnung bringen”

In Berlin soll er sich um den Tod des jungen Yuki kümmern. An Aufklärung scheinen die Auftraggeber weniger Interesse zu haben oder Onishi hat seltsam unklare Anweisungen. Die möglichen Urheber sterben jedenfalls wie die Fliegen und die Berliner Polizei steht hilflos daneben. Ratlos obendrein, denn dass die Yakuza überhaupt in Deutschland agieren könnte, liegt nicht im Rahmen ihres Vorstellungsvermögens. Als Onishis Arbeit erledigt ist, liegt einiges in Trümmern und der Killer flieht nach Tokyo. Dort gerät er zwischen die Fronten, denn in seiner alten Yakuza-Gruppe werden die Verhältnisse zwischen konservativen Köpfen und modernen, geldorientierten Aufstrebenden neu geordnet. Man kann sich denken, dass das nicht am Verhandlungstisch geschieht.

Das sind zwei Bücher mit einer fulminanten Thrillerhandlung, die direkt aneinander anknüpfen. Peters trennt sauber die Schauplätze Berlin und Tokyo, ändert das Setting und stellt seine Hauptpersonen dennoch vor ähnliche Grundfragen. In Berlin trifft Fumio Onishi auf Yukis deutsche Freundin Nikola. Die wusste haargenau, was ihr Liebster auf dem Kerbholz hatte und fing an, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Weitab von Japan kreierten die beiden ihre eigene Idee von lukrativen Geschäften. Nach Yukis Tod schließt sie sich Onishi an und folgt ihm nach Tokyo.

Interkulturelle Abgründigkeiten

Im Hintergrund spielt Peters mit den Machtverteilungen der Clans, traditionellen Rollen von Frauen und Männern, Wertevorstellungen und dem Zusammenspiel von Gehorsam und Emanzipation. Onishi repräsentiert den klassischen Yakuza. Jemand, der auf bedingungslosen Gehorsam gegenüber den höhergestellten Yakuza geeicht ist. Frauen spielen in den Gumi höchstens eine Rolle für’s Vergnügen, aktive Kriminelle sind sie nicht. Dass Nikola sich so selbstbewusst einbringt, ist für Fumio Onishi nur schwer zu akzeptieren. Ob Berlin oder Tokyo, da macht sie keinen Unterschied. Ihr Ehrgeiz ist eher mit dem Biss der vietnamesischen Clanchefin vergleichbar als dem untergeordneten Rollenbild, das Onishi von einer Frau hat.

In Das Jahr der Katze bringt Peters ein zweites deutsch-japanischen Paar und seine kulturellen Kontraste ins Spiel, dieses Mal in umgekehrter Variante: Friedemann und Masumi. Die beiden stellen Onishi ihre Wohnung vorübergehend zum Untertauchen zur Verfügung. Das bleibt nicht unbemerkt und das Ehepaar muss irgendwann ebenfalls von der Bildfläche verschwinden. Nikola nutzt die Gelegenheit, um sich bei Friedemann ein wenig mehr über die landestypischen Gepflogenheiten zu informieren. Christoph Peters lässt die Leser:innen bei der Gelegenheit unter die Decke der japanischen Contenace spicken und erklärt viel zum Selbstbild Japans.

Es geht um mehr als Action

Es empfiehlt sich in diesem Fall, die beiden Bücher in der Reihenfolge Der Arm des KrakenDas Jahr der Katze zu lesen. Das ermöglicht es, die schon genannten Spannungsfelder eingebettet in die “kulturellen Rahmen” Deutschland und Japan zu erleben. Denn abgesehen vom actionreichen Thema der organisierten Kriminalität liefert eben gerade die Beschäftigung mit verschiedenen Denkmustern einen ebenbürtig spannenden Teil der Lektüre. Ob Tradition oder Moderne am Ende besser dastehen, lässt Peters offen. Klar aber ist, dass auf allen Ebenen viel in Bewegung gekommen ist und dass nur der weiterkommt, der sich anpassen kann.

Als Europäer benimmst du dich zwangsläufig daneben. Sie rechnen damit. Solange es im Rahmen bleibt, sehen sie es dir nach, mehr noch, sie wären wahrscheinlich völlig verwirrt, und ihr gesamtes Weltbild würde zusammenbrechen, wenn du alles richtig machen würdest, weil das ihre Sonderstellung auf dem Planeten in Frage stellen würde.

Bibliografische Angaben

Der Arm des Kraken
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-74130-4
Erstveröffentlichung: 2015

Das Jahr der Katze
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87476-0
Erstveröffentlichung: 2018


Titelfoto: Alex Knight / unsplash

Leave a Reply

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.