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Inga Vesper – In Aufruhr

Kurz vor Los Angeles werden Mittelklasseträume im Wohnviertel von Sunnylakes wahr: Perfekt getrimmte Rasen, Pools und Haushaltshilfen. Bei den Haneys kümmert sich die Schwarze Ruby Wright ums Putzen und Blumen gießen. Sie muss zwar verschwinden, bevor der Hausherr um die Ecke kommt, denn der mag sie nicht im Haus sehen. Aber mit Ehefrau Joyce kommt sie gut zurecht. Umso größer der Schock, als Joyce eines Tages verschwunden ist, statt dessen Blutspuren in der Küche.

Um den Fall kümmert sich Detective Mick Blanke, der nach einem missratenen Einsatz von Brooklyn aus in den Westen versetzt wurde. Mit Gangstern kann er umgehen, aber die manikürte Posterwelt macht ihm zu schaffen. Hier ist alles Fassade und seine hemdsärmeligen Methoden helfen nicht. Er verfällt auf die Idee, Putzfrau Ruby als Informantin einzuspannen. Wer sonst sollte einen ungefälschten Einblick hinter die Kulissen bekommen?

Eine gruselige Perspektive

Als ich auf das Buch aufmerksam wurde, schien die Rassendiskriminierung im Buch die größte Rolle zu spielen. Vesper setzt den Roman ins Jahr 1959 und Ruby, die für ihre Arbeitgeber keinen Nachnamen hat, sitzt auf ihrem Arbeitsweg hinten im Bus. Als die Polizei wegen Joyces Verschwinden eintrifft, nimmt sie Ruby erst einmal fest. Zwar ist sie eigentlich eine wichtige Zeugin, aber das ist ein Status, den ihr bis fast zum Schluss kaum jemand zugestehen will. Allerdings ist das eigentliche Thema ein ganz anderes: Vesper hat einen feministischen Roman geschrieben und das merkt man auch schon, bevor die Autorin im Nachwort selbst dazu etwas schreibt.

All die Kämpfe, die Ruby und Joyce ausfechten mussten, seien immer noch aktuell, notiert Vesper und erinnert sich an eine Szene an ihrer Schule: Noch in den 1990ern wurde ihr dieses 1950er-Jahre-Idyll aus den USA als erstrebenswert angepriesen. Vesper fand das gruselig: Die Frau war am Festtagstisch zwar anwesend, aber trotzdem „die Einzige, die die Situation nicht mit den anderen teilen konnte“. Bis in Vespers Schulzeit vierzig Jahre Fortschritte allerorten — nur nicht beim menschlichen Zusammenleben. Ruby und Joyce erwecken den eigentlichen Horror dieser „Musterfamilie“ in der Geschichte zum Leben.

„Wussten Sie, dass alle Frauen hier auf Droge sind?“

Was die Hochglanzbilder nicht zeigen: Das Leben ist eine einzige große Leere. Man lebt für die Kulisse, freundet sich nur mit „vorteilhaften“ Familien an, pflegt Vorurteile und Abgrenzung und letzlich gehen die Frauen an dieser Leere ein. Gleichzeitig wissen sie, dass ihr Leben im Zweifelsfall nicht einen Pfifferling wert ist: Sowohl Joyces als auch Rubys Mutter starben und keiner von beiden wurde je Gerechtigkeit zuteil.

Ich sollte nicht malen. Frank mag das nicht, obwohl Genevieve Crane sagt, ich hätte erstaunliches Talent. So etwas ist kein gutes Vorbild für die Kinder, sagt Frank, eine Mutter, die Spaß hat, obwohl Essenspläne aufzustellen, Teppiche zu saugen und Blumen zu arrangieren sind.

Genevieve Crane gibt sich im Frauenclub alle Mühe, den Frauen Perspektiven aufzuzeigen. Hobbies wären schon einmal ein Anfang, aber nicht einmal dafür dürfen Frauen in einigen Ehen Zeit aufbringen. Als Schülerin hatte Inga Vesper die Probleme dieser vermeintlichen Idylle instinktiv richtig erfasst und macht „In Aufruhr“ nur vordergründig zu einem historischen Kriminalroman. Von der Idee, dass eine Frau, vielleicht sogar eine Schwarze, Polizistin oder gar Kommissarin werden könnte, ist man 1959 noch weit entfernt und die Reise ist 2021 noch nicht wirklich zu Ende. Ein schlauer Krimi, der die strenge Fixierung auf ein Vorzeigedasein zu einem großartig bissigen Ende führt.

Inga Vesper - In Aufruhr

Bibliografische Angaben

Verlag: Kindler
ISBN: 978-3-311-12536-5
Originaltitel: The long, long Afternoon
Erstveröffentlichung: 2021
Deutsche Erstveröffentlichung: 2021
Übersetzung: Katharina Naumann, Silke Jellinghaus

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