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Michael Hugentobler – Feuerland

Michael Hugentobler - Feuerland

Michael Hugentobler steht mit seinem zweiten Roman auf der Nominiertenliste zum Schweizer Buchpreis. “Feuerland” geht auf eine Zeitreise und spinnt eine Geschichte rund um zwei echte historische Figuren. Der eine ist Thomas Bridges, Adoptivsohn eine englischen Missionars, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Kindern der Yamana aufwächst, die der Vater missionieren möchte. Er schreibt zahllose Vokabeln auf und überträgt sie in ein nicht benötigtes Kassenbuch, das zu einem detaillierten und umfangreichen Wörterbuch wird. Der andere ist der Ethnologe Ferdinand Hestermann, dem das Buch zufällig in die Hände gerät. Ihm geht sprachliche Forschung über alles und als er merkt, dass die Nationalsozialisten völkerkundliche und sprachliche Forschung missbrauchen und Bibliotheken plündern wollen, will er die wichtigsten Bücher in Sicherheit bringen.

Verknüpft mit den Geschichten der beiden sind die tiefen Krater, die Kolonialisierung und Nationalsozialismus hinterlassen haben. Das Volk der Yamana gab es tatsächlich, auch jenes Wörterbuch. Die Kolonialisierung überlebt hat dieses Volk allerdings nicht. Zuerst starb über die Hälfte der Yamana an Masern; später kamen weitere Keime hinzu, die aus Kleiderspenden stammten, mit denen sich die Missionierten an das europäische Kleiderdenken anpassen sollten. Hugentobler greift diese Realität auf: Bridges, selbst schwer krank, realisiert während seinen letzten Lebensmonaten, dass er, seine Familie, seine Landsleute und deren Importe, das Volk auf dem Gewissen haben, das er so liebt und wo er seine besten Freunde gefunden hatte.

Zusammengelogene Weltbilder

Hestermann ist eine Figur, die große Bewunderung für die Sprachen dieser Welt hat und nicht verstehen kann, wie sich die zeitgenössische Forschung stur gegen den Konsens stellt. Bisweilen wird ihm sein Widerspruch als Verschrobenheit des Gelehrten ausgelegt. Langfristig aber sägen die Fachkollegen an seinem Stuhl. Dass andere Völker eine “höchst präzise und fantasievolle Ausdrucksmöglichkeit” besessen hätten, passt nicht in das Weltbild der Nazis. Alles wird herangezogen, um eine Unterlegenheit herbeizufantasieren, darunter auch ganz einfache Fußabdrücke:

Er zog einen Bleistift hinter dem Ohr hervor, die Spitze wanderte zu den Hautfurchen der Fußsohlen, und er erklärte, dass er diese Menschenfüße mit den Fußballen von Affen verglichen habe und zum Schluss gekommen sei, dass die Exemplare hier am Fenster in ihrer Entwicklung ziemlich genau in der Mitte zwischen Affe und Mensch stünden, etwas näher beim Affen und ziemlich weit weg vom Europäer. … Ganz besonders ausgerägt sei der ‘Tiradius Schlaginhaufii’ [Anm.: eine erfundene Hautfurche] aber bei den Maya-Indianern von Yucatan, womit dieses Volk faktisch der Tierwelt angehöre.

Lukas Maisel lässt grüßen samt Orang Petek in seinem Buch der geträumten Inseln. Mit Grausen erinnert man sich daran, dass diese Haltung einmal bittere Realität war und ihre Spuren ins Heute hinterlassen hat. Die Hauptteile der Handlung spielen in Südamerika, Deutschland und London; die Schweiz wird erst gegen Ende zum Spielfeld, nicht ohne die Doppelrolle des Staats zu thematisieren. Das Land beherbergt nationalsozialistische Orgien auf Alphütten und unantastbare Bibliotheken gleichermaßen auf seinem Grund.

Geschichte, die sich wiederholt

Historisch sicher ist: Beide Figuren hatten mit dem Yamana-Wörterbuch zu tun, der eine als Ersteller, der andere als späterer Herausgeber. In Feuerland werden beide zu leidenschaftlichen Verteidigern der Yamana-Kultur und doch müssen beide auf ihre Art und Weise deren Verschwinden beiwohnen. Beide Figuren bewundern die sprachliche Versiertheit der Yamana und sind doch beide in einem Umfeld unterwegs, das deren Fähigkeiten nicht anerkennen will. Und beide suchen einen Weg, mit dem Wörterbuch das quasi letzte Zeugnis einer einzigartigen Kultur in Sicherheit zu bringen.

Die Jury zum Schweizer Buchpreis beschreibt “Feuerland” zurecht als “subtil erzählte Geschichte”. Bewundernswert ist, wie Thomas Hugentobler die bekannten Fakten zum Yamana-Wörterbuch zu einer Fiktion verwebt, die einerseits eine mögliche Version erzählt, andererseits spürbar von Fabulierlust geprägt ist. Es ist also nicht, wie man schreiben könnte, die Geschichte von zwei historisch echten Figuren und einem Wörterbuch. Es ist eine Geschichte, in der Hugentobler raffiniert bekannte Details so mit der Zeitgeschichte von Kolonialisierung und Nationalsozialismus verknüpft, dass man es am Ende für real halten könnte. Ebenso real wie märchenhaft, wie Michael Hugentobler selbst dazu sagt.

Schlaginhaufen lehnte sich zurück, faltete die Hände über dem Bauch und seufzte: “Sogar das Wörterbuch haben wir erfunden.”
“Es waren die Sumerer”, sagte Hestermann unter verächtlichem Räuspern, “vor fünftausend Jahren.”

Bibliografische Angaben

Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28269-7
Erstveröffentlichung: 2021

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