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Intermezzo XVII mit Büchern vom Peter Stamm, Lukas Maisel und Gian Maria Calonder

Intermezzo XVII

Gian Maria Calonder – Endstation Engadin

Gian Maria Calonder - Endstation Engadin

Nach dem großen Erfolg mit Engadiner Abgründe legt Tim Krohn alias Gian Maria Calonder nach. Polizist Massimo Capaul, der gerade erst nach Samedan geschickt wurde, ist nach seinem Fauxpas im ersten Fall immer noch nicht im Dienst. Da hatte er ermittelt, bevor er überhaupt offiziell im Dienst war. Das wird im zweiten Band allerdings nicht besser. Er hat weiterhin Probleme bei der Zimmersuche, Schwierigkeiten mit dem Parken und eben nach wie vor keine Dienstmarke. Dabei gibt’s schon wieder einen Toten und schon wieder denkt sich Capaul, da sei was faul dran.

Ein Mineur, der beim Bau des neuen Albulatunnels arbeitet, wurde im alten Tunnel von einem Zug erfasst. Während alle an einen Unfall denken, fragt sich Capaul, warum ausgerechnet einem erfahrenen Mineur so ein lebensgefährlicher Schnitzer unterlaufen sollte.

Beim zweiten Capaul-Band hatte ich nicht ganz so den Plausch wie beim ersten (Helvetismus für: Freude an etwas haben). “Verschroben”, wie ihn der Klappentext nimmermüde ankündigt, fand ich Capaul damals schon nicht. Aktuell halte ich ihn für unreif. Wirklich schlüssig denken kann er nur, wenn es um den Fall geht und selbst dann nicht immer. Ansonsten empfinde ich ihn im Wesentlichen als unüberlegt und impulsiv. Als hätte man es mit einem Schulbub zu tun, der aus Versehen schon über Dreißig ist. Was beim ersten Fall noch in die Verwirrung der Versetzung passte, bei der nicht alles rund lief, war mir hier zu viel. Wer gerade erst so kräftig einen auf die Mütze bekommen hat wie Capaul, rennt doch nicht gleich dem nächsten Mord hinterher und wartet treudoof darauf, dass einem die anderen die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Naja, oder doch, weil eben unreif.

Interesse geweckt hat das Einflechten der Sage “Der See der Seelen” in die Handlung. Tim Krohn hatte sie bei seinen Recherchen gefunden und weil sie ihm so gut gefiel, hat er sie gleich noch neu erzählt. Der Verlag brachte die Sage als eigene kleine Geschichte heraus und da schaue ich ganz sicher rein.

Verlag: Kampa
ISBN: 978-3-311-12009-4
Erstveröffentlichung: 2019

Peter Stamm – Wenn es dunkel wird

Während Stamms “Agnes” noch ungelesen liegt und Die sanfte Gleichgütligkeit der Welt Buchpreis-gekrönt hier vorgestellt wurde, hatte ich neulich (statt Backlist aufarbeiten) den neuen Titel von Peter Stamm in der Hand. Es sind elf Kurzgeschichten, von denen viele mit irrationalen und phantastischen Elementen spielen.

An sich habe ich mit sowas kein Problem, wenn ich für mich oder durch Schubser des Autoren solche Symbolik entschlüsseln kann. Oder mir das zumindest einbilden kann. Das muss am Ende nicht einmal hundertprozentig gelingen, aber ein bisschen Aha-Effekt muss schon sein.

Bei Peter Stamm hat das leider überhaupt nicht geklappt. Fast alle Geschichten lassen mich sehr ratlos zurück. Sehr ausführlich habe ich bereits im Beitrag Geschichten ohne Antwort darüber gejammert, den ich für Thurgaukultur geschrieben habe.

Ich werde zum Beispiel nie verstehen, warum in einer Geschichte eine junge Frau praktisch zu Stein erstarrt, nur, weil sie mal für eine Skulptur Modell gestanden hatte. Oder warum ein pensionierter Arzt einer ehemaligen Patientin quer durch das Spital hinterherläuft. Mehr tut er die ganze Geschichte über wirklich nicht. Die Story ist zu Ende, als sie das Spital verlässt, ohne etwas getan zu haben als zu laufen. Oder was das soll, wenn ein Mann begreift, dass er gerade in die Pleite stürzt und sich dann kurzerhand in einem Luxushotelzimmer verbarrikadiert, das für ihn bis gerade eben noch der Lifestyle-Standard war? Realitätsverweigerung kommt da vielleicht gerne mal vor, denke ich mir, aber wie kann man ein Ende so in der Luft hängen lassen?

Eine einzige Story gab es, die mir eine Pointe in die Hand gab — vermutlich eine Pointe, die Stamm nicht beabsichtigt hatte. Zusammenfassend aber ganz sicher “nicht mein Buch”.

Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-002226-4
Erstveröffentlichung: 2020

Lukas Maisel – Buch der geträumten Inseln

Lukas Maisel - Buch der geträumten Inseln

Ein ganz anderes Kaliber lieferte mir der Debütroman von Lukas Maisel, den ich für die Veranstaltungsreihe Debüts lesen durfte. “Buch der geträumten Inseln” stellte ich auf Thurgaukultur vor und empfahl es auch in einem Bleisatz-Rückblick auf vier besondere Begegnungen, die ich für dieses Online-Portal im Jahr 2020 hatte.

Aber das Buch ist so gut, dass es trotzdem nochmal etwas ausführlicher hier Platz haben soll.

Lukas Maisel schreibt über den Hobbyzoologen Robert Akeret, der sich durch die Entdeckung eines mythischen Wesens einen Platz im Olymp der Forscher verschaffen will. Dabei balanciert Maisel sehr geschickt zwischen Fiktion und Wirklichkeit. In einem Vorwort tut er beispielsweise so, als habe er reale Notizen Akerets in der Hand gehabt und daraus seine Geschichte entwickelt. Außerdem öffnet die Kryptozoologie, um die es im Roman geht, tatsächlich Raum für echte Entdeckungen. Da geht es um Lebewesen, die tatsächlich nur in Mythen und Legenden auftauchen. Da geht es aber auch solche, die sich als echt entpuppten (wie die Riesenkalmare, die eben kein Seemannsgarn sind).

Was Maisel brillant macht, ist die Verknüpfung mit kritischen Fragen zum Umgang mit unserer Umwelt. Sei es der Natur, sei es mit den Menschen, denen die Europäer auf ihren Streifzügen begegneten. Die kolonialen Spuren ziehen sich bis heute durch das Land und so engagiert Akeret ist, so zeigt sich doch, wie sehr die Forschung von Europäern geprägt ist:

«Der Berg sei, so Blum, den Einheimischen sicherlich wohlbekannt gewesen, ebenso die unentdeckten Tiere, und das zeige einmal mehr, dass diese sogenannten Entdeckungen immer nur aus der Sicht des Europäers welche seien.»

Erst jüngst kam mir wieder eine kolonial geprägte Entdeckung unter, als man im Dschungel von Kolumbien angeblich gerade erst bemalte Felswände entdeckt hatte. Lokale Wissenschaftler kannten die Fundstätte schon seit unzähligen Jahren und hatten sie in Fachpublikationen vorgestellt (tatsächlich neu sind offenbar nur wenige der bemalten Stellen und die Leute, die in der Region leben, kennen die Stellen eh, auch ohne, dass sie die wissenschaftlich beschreiben — dazu gibt es einen ausführlichen Twitter-Thread).

Ich finde es großartig, wie vielschichtig dieser Roman geworden ist. Wissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Abenteuer, Umweltschutz, Kolonialismus, Menschheitsgeschichte. All das flüssig miteinander verbunden, ergibt einen absoluten Lesetipp.

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00202-2
Erstveröffentlichung: 2020

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