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Stefan Howald (Hrsg.) – Projekt Schweiz

Wer hat die Schweiz zu dem gemacht, was sie heute ist? Ich schätze, die Frage ist nicht nur schwer zu beantworten, sondern stets auch unvollständig. Aber die Frage ist zu wichtig, als dass man sie nicht zu stellen bräuchte. „Projekt Schweiz“ versucht, mit 44 Portraits eine Antwort zu geben. Einen Kanon stellt das Buch sinnvollerweise nicht dar; zu viele Persönlichkeiten würden fehlen. Es kommt Herausgeber Stefan Howald mehr darauf an, Haltungen und Werte zu repräsentieren, „die weiterhin sozial verantwortliches, vorwärtsgerichtetes Handeln anleiten“. Wo überall findet man Vorreiter:innen, Denker:innen und Persönlichkeiten, die solche Kriterien erfüllen?

Das Sachbuch mag nicht vollständig sein, vielfältig aber ist es auf alle Fälle. Zeitlich reicht der Rahmen vom 17. Jahrhundert bis heute. Personell reicht er von Dichtern, Bürgermeisterfrauen und Künstlerinnen über Einzelhandelsspezialistinnen, Journalisten und Politikern bis hin zu Architektinnen, Musikern und Malern. Da ist zum Beispiel Elsa Gasser (1896-1967), die an der Seite von Gottlieb Duttweiler (der nicht im Buch vertreten ist) die Einzelhandelskette Migros maßgeblich geformt hat. Auf ihre Initiative hin hielten die Selbstbedienungsläden Einzug. Aber Gasser war auch ein Mensch, der im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge unterstützte oder zur Weiterbildung der Bürger den Aufbau der Klubschule mit vorantrieb, das Schweizer Äquivalent der deutschen Volkshochschule.

Eine Gesellschaft im immerwährenden Wandel

Oder da ist der Schaffhauser Wilhelm Joos (1821-1900). Er setzte sich explizit gegen die Sklaverei ein und scheiterte mit seinem Anliegen an den oft selbst davon profitierenden Führungskräften des Landes. Zu einem Zeitpunkt, als die Sklaverei international bereits geächtet war und die USA die Sklaverei offiziell abschafften. Da ist aber auch der Musikclubbetreiber MC Anliker (1957-2016), der im kleinen Thun einen Club mit internationalem Ruf etablieren konnte. Hervorgegangen aus dem Wunsch der konservativen Stadtväter, einen Jugendort „ohne Haschisch“ parat zu haben. Anliker gehörte immer zu den wenigen Veranstaltern, die Bands fair honoriert haben.

Vor allem bei historischen Figuren stehen oft politische Aspekte im Vordergrund, während die Leistungen, je näher die Portraits an das Heute heranrücken, für mein Empfinden mehr gesellschaftliche und emanzipatorische Aspekte umfassen. Der Blick auf die Architektin Berta Rahm (1910-1998) oder die zweite Schweizer Ärztin Caroline Farner (1842-1913) verdeutlicht, welche langen und elenden Kämpfe Schweizer Frauen ausfechten mussten und wie sehr mit allen Mitteln, auch unfairen und äußerst fragwürdigen, versucht wurde, Leistungen zu drücken, Arbeit zu verhindern und sie regelrecht aus dem Weg zu schaffen. Den Gerichtsprozess, der gegen Farner und ihre Partnerin Anna Pfrunder geführt wurde, nennt Autorin Madeleine Marti einen „modernen Hexenprozess“.

Über das 1958 erschienene Buch „Frauen im Laufgitter“ der Juristin Iris von Roten (1917-1990) schreibt Sibel Arslan: „Die Reaktionen darauf zeigten den Rückstand der Schweiz gegenüber anderen Ländern“. Aber auch Max Frisch war mit seinen Ideen nicht gut gelitten. Über den geschätzten Schriftsteller, „Architekt des politischen Bewusstseins“, existierten umfangreiche „Fichen“ bei der Staatssicherheit — eine Einordnung als potenzielle Landesgefahr.

Geschichte ist nicht nur, woran man sich erinnern will

Immer wieder stellen die Autorinnen und Autoren fest: Bei so einigen prägenden Köpfen fehlt bis heute die Aufarbeitung. Manche Portraits sollen daher gezielt bereichernde Menschen vor dem Vergessen bewahren. Der Nachlass des schon erwähnten Joos beispielsweise sei noch gar nicht richtig erfasst, während die Arbeiten von Farner und Pfrunder immer noch nicht ganzheitlich betrachtet würden. Auch das ist wohl Teil von „Projekt Schweiz“, so, wie sich das Buch versteht. Die Schweiz als „Projekt“, im immerwährenden Prozess der Formung: „Die Schweiz ist, was ihre Bewohnerinnen und Bewohner aus ihr gemacht haben und machen werden.“

Die 44 Portraits sind ganz unterschiedlich geschrieben. Mal als persönliche Auseinandersetzung mit der Person, mal als historische Abhandlung, mal mit direktem Bezug zu dem, was heute davon gültig ist. Geschrieben von Autor:innen, die alle einen hervorragenden Bezug zu den Themen haben und, gerade bei den Persönlichkeiten aus dem 20. Jahrhundert, teils persönlich mit den Portraitierten zu tun hatten. Und nicht wenige der Autor:innen könnte man selbst in einem Projekt-Buch vermuten. Wie Margrit Sprecher, Patti Basler oder Franz Hohler vielleicht.

Geschichtsbuch, Denkanstoß, Gesellschaftspanorama

Mit seinem Ansatz geht das Buch weit über die Möglichkeiten eines Geschichtsbuchs hinaus. Es ist vor allem ein umfassender Denkanstoß, unter anderem wenn man sieht, wie restriktiv das Land noch vor Kurzem war und wie sehr grundsätzlich Demokratie und soziale Gerechtigkeit Arbeit verlangen. „Projekt Schweiz“ zeigt, dass Verbesserungen für viele (von denen wir heute profitieren) oft Widerstand von wenigen bedeutet haben (oft genug von immer derselben Seite).

Mir als Ausländerin erzählen die Portraits wahrscheinlich mehr über die Geschichte der Schweiz als ein formell geführter Einbürgerungskurs, weil sie immer eintauchen in die Befindlichkeiten der Zeit und den Status Quo der jeweiligen Gesellschaft mit beleuchten (wobei Sibel Arslan zu bedenken gibt, dass ich mich dafür mehr um lokale Bächlein kümmern und beim „Schwager vom Gemeindepräsidenten einkaufen“ müsse). Die Portraits tauchen tiefer in Lebensrealitäten und gesellschaftliche Umstände ein, als das Geschichtsbücher je könnten. Von daher ist das Sachbuch ein Gewinn in mehrfacher Hinsicht.

Bibliografische Angaben

Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00578-5
Erstveröffentlichung: 2021

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