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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Shimura Kobo lebt ein ruhiges, strukturiertes Singleleben. Die Struktur, die ihm Sicherheit gibt, gerät ins Wanken, als er eines Tages den Eindruck bekommt, im Kühlschrank fehle Essen. Das Unbehagen bleibt, obwohl er sich mit Selbstzweifeln zu beruhigen versucht. Vielleicht hat er dieses oder jenes im Supermarkt vergessen. Mit List überwacht der Meteorologe eines Tages sein kleines Haus dauerhaft. Halb mit dem Ziel, greifbare Ergebnisse zu erhalten. Aber halb auch mit der Sorge, er sehe Gespenster.

Ich wagte nicht hinzuschauen. Acht Zentimeter las ich ab. Es waren nur acht Zentimeter Flüssigkeit übrig, gegenüber fünfzehn beim Weggehen … Jemand hatte sich bedient. Dabei lebe ich allein.

Was bei seiner Überwachung herauskommt, trifft ihn aber bis ins Mark: Seit fast einem Jahr geht eine fremde Frau bei ihm ein und aus. Ohne, dass er etwas bemerkt hat.

Éric Faye verarbeitet im dünnen „Zimmer frei in Nagasaki“ einen wahren Fall: 2008 fand die Polizei tatsächlich auf diese Weise eine Obdachlose in Fukuoka, etwa 2-3 Stunden Fahrtzeit von Nagasaki entfernt. Sie hatte sich in einem ungenutzen Wandschrank versteckt (wie sie für klassische japanische Häuser typisch sind und die tatsächlich groß genug sind). Dass Faye seinen Schauplatz verlegt, hängt damit zusammen, dass Nagasaki während der Ära der Isolation von Japan der einzige Handelsstützpunkt für Chinesen und Holländer war. Faye wird diesen historischen Aspekt später mit Shimuras Gedankenspielen verknüpfen.

Unentdeckte Isolation

Das Buch erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven. Der Hauptteil dreht sich um Kobo Shimura, den die Entdeckung richtiggehend aus der Bahn wirft. Shimura ist ein einsamer Mensch, der diese Rolle zwar angenommen hat, aber wohl nicht ganz freiwillig. Das aber zum Grund für seine Verstörung zu nutzen, würde der Sache nicht gerecht. Faye versetzt sich gut in seine Figur und ergründet, was so eine ebenso beunruhigende wie unerwartete Entdeckung mit den Gedanken und dem Gefühl von persönlicher Sicherheit auslöst.

Die Perspektive der Frau schließt sich danach an. Auch für sie geht es um eine gewisse Sicherheit, die sie ausgerechnet in jenem Schrank für sich finden konnte. Und nur in diesem. Das Warum werde ich hier allerdings nicht verraten.

Ein bisschen hängt das Ende in der Luft und gleichzeitig passt es doch: „Das ist alles“. Das abrupte Ende des Romans greift an dieser Stelle das plötzliche Ende der seltsamen Symbiose auf, in der diese zwei Menschen nebeneinander her gelebt haben. Zwei Menschen, die trotz der Nähe nie miteinander zu tun hatten und von denen sich zumindest einer im Nachhinein erklären möchte. Ein stilles Buch, das ich gar nicht so lange ungelesen hätte liegen lassen dürfen.


Éric Faye erhielt für „Zimmer frei in Nagasaki“
den Literaturpreis Grand Prix de l’Académie Française.


Bibliografische Angaben

Verlag: Austernbank Verlag
ISBN: 978-3-9814617-2-5
Originaltitel: Nagasaki
Erstveröffentlichung: 2010
Deutsche Erstveröffentlichung: 2014
Übersetzung: Bettina Deininger

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