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Thomas Duarte – Was der Fall ist

Thomas Duarte - Was der Fall ist, auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis 2021

Während Michael Hugentobler mit dem zweiten Roman auf der Nominiertenliste zum Schweizer Buchpreis steht, ist es bei Thomas Duarte das Debut. Ein preisgekröntes noch dazu, denn Was der Fall ist wurde im vorigen Jahr mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet. Um was es geht, lässt sich relativ zügig zusammenfassen: Mitten in der Nacht, noch durchnässt vom Regen, taucht ein Mann auf der Polizei auf und erzählt aus seinem Leben. Sonderlich spannend war bisher das nie. Der Mann arbeitete bei einer wohltätigen Stiftung, beurteilte Gesuche und wohnte im Hinterzimmer seines Büros. Bis vor Kurzem jedenfalls. Zuerst zog die illegal in der Schweiz lebende Putzfrau ins Kabuff, mit der er eine Beziehung anfing. Kurz danach kündigte ihm der Vorstand, weil sie ihm Unregelmäßigkeiten bei der Geldvergabe bezichtigten.

Irgendwo muss er sich nun schrecklich ausheulen und sucht sich ausgerechnet den Polizeiposten aus. Es ist null Uhr sechsunddreißig, als der Mann anfängt zu erzählen. Zwar erwischt er einen einfühlsamen Gegenüber, der ihm Kaffee macht, mit ihm eine Zigarette raucht und auf derselben Wellenlänge zu schwimmen scheint. Und doch hätte die Geschichte deutlich kürzer sein können. Das kündigt sich aufmerksamen Lesern schon auf den ersten zwanzig Seiten an:

Es war mitten in der Nacht, und alles schien unwirklich, und ich bildete mir ein, es wäre vollkommen egal, worüber ich redete. Ich hatte mich getäuscht, besser wäre gewesen, ich hätte geschwiegen.

Warnsignale, die man nicht hören will

Ich erwische bei jedem Buchpreis Titel, mit denen ich gar nicht zurecht komme und in diesem Jahr ist es wohl dieser Titel hier. Im Nachhinein bewundere die Engelsgeduld der Polizistenfigur mit der nervtötenden Männerfigur, die ihm gnadenlos ein Ohr abkaut. Und das, obwohl ihm der Polizist mehrfach warnt: Für die Putzfrau hätte seine Erzählung Konsequenzen zum Beispiel. Ob er nicht lieber aufhören wolle. Dass er vor sechs Uhr früh besser gehen solle zum Beispiel, damit ihn auf der Wache niemand von der Tagschicht sehe. Danach könne man die Geschichte nicht mehr auf sich beruhen lassen. Aber nein, einmal in Fahrt hört bei diesem Mann das Mitdenken komplett auf und er tischt alles bis ins kleinste Detail auf.

Sie möchten hier gerne alles erzählen, aber für nichts Konsequenzen tragen.

Wäre das kein Titel aus der Shortlist gewesen, hätte ich das Buch ziemlich fix abgebrochen. In diesem Fall aber wollte ich herausfinden, ob ich nicht doch etwas herausholen könnte. Um es kurz zu machen: Nein, habe ich nicht geschafft. Dabei sind interessante Aspekte dabei. Die „Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft“, die der Klappentext verspricht, blitzt bisweilen auf. Vor allem am Ende, als der Chef der Stiftung und sein wieder von ihm beteiligter Mitarbeiter die Stiftung hartnäckiger am ursprünglichen Konzept der Stiftung orientieren als je zuvor.

Wie bitte?, sagte der Polizist. Können Sie das noch mal wiederholen? Was erlauben Sie sich eigentlich? Seit vier Stunden sitze ich hier und höre mir Ihre Geschichte an, und jetzt wollen Sie sich über unsere Arbeit beschweren?

Kürzer ist mir lieber

Aber bis zum Ende muss man kommen. Es ist, als hätte man einen Camenisch genommen und auf das Vierfache aufgebläht. Ich habe sehr viel quergelesen und überflogen. Denn das muss man Thomas Duarte lassen, die Erzählung lässt zumindest die Stimmung, die auf dem Posten herrscht, vermutlich sehr präzise aufkommen. Eine langatmige Erzählung, die sich über Stunden zieht und die Geduld massiv fordert. Seufz, ich glaube, in einer verdichteten Form hätte dieser Langweiler auf dem Posten zumindest für mich erzählerisch mehr hergegeben.

Ich schweige. Es ist das, was ich von Anfang an hätte tun sollen. Meinen Mund halten.

Bibliografische Angaben

Verlag: Lenos
ISBN: 978-3-03925-016-5
Erstveröffentlichung: 2021

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