Amélie Nothomb liebt Japan über alles. Das Land, in dem sie als kleines Kind aufwuchs hat sie geprägt und traumatisiert — gleichermaßen. Zutiefst geprägt, weil sich das Kind ganz selbstverständlich für eine kleine Japanerin hielt. Traumatisiert, wie sie selbst sagt, weil sie als fünfjähriges Diplomatenkind mit einem Umzug herausgerissen wurde. Die lang ersehnte Rückkehr 1989 verlief nicht so harmonisch, wie sie es sich erträumt hatte. Es dauerte über 20 Jahre, bis sie sich für eine Dokumentation erneut auf eine Rückkehr einließ — und nun nochmals über 10, weil ihre Freundin Pep sie als Fremdenführerin für die eigene Reise bestimmt hat.
„Die unmögliche Rückkehr“ berichtet von der Reise der beiden Freundinnen. Pep hat sich ganz klassisch Kyoto und Tokyo als Reiseziele ausgesucht und Nothomb hakt über weite Strecken zunächst die besuchten Stationen ab. Nothomb erzählt die Reise aber vor allem über den Kontrast zwischen der einen, die ohne Skrupel nach Bettwanzen fragt oder trotz Schweigegebot im Museum losschwätzt, und der anderen, die mit ihrem ersten japanischen Satz auf vertrautem Boden automatisch mit den Gepflogenheiten (fast immer) Eins wird und mit jeder Übersetzung Peps Forderungen dämpft. Und die Tour lebt auch von dem Kontrast zwischen Pep, die sich mit unbändiger Freude über ihre neuen Entdeckungen hermacht, und Amélie, die ständig an ihre Vergangenheit erinnert wird und versucht, ihre Nostalgie vor Pep zu verbergen.
Wie ein Scheitern prägen kann
In Japan bedeutet Leere etwas anderes als bei uns. Dort ist die Leere ein Wunder, das Gesuchte. Die Leere, das ist der Moment, endlich zu leben.
Die gesamte Reise über wird Amélie Nothomb an ihre eigenen Erlebnisse erinnert — und sie will sich erinnern. Ausweichen kann sie nicht, also lässt sie sich darauf ein und schreibt darüber. Wie auch in ihren anderen Japan-Titeln spürt man, wie bewusst Nothomb mit ihren Gefühlen umgeht und zwischen Liebe und Scheitern pendelt. Kyoto und Tokyo könnten in ihrer Wirkung und Prägung dabei unterschiedlicher nicht sein.
Es ist meiner Meinung nach kein Buch, das sich als Unterhaltung eignet. Es ist vielmehr ein sehr persönliches Buch, das eine individuelle Auseinandersetzung mit einem Land dokumentiert. Ein Buch, das keine endgültige Antwort zulässt, wie Nothomb selbst schreibt. Denn wie könne man ein Land so grenzenlos lieben und doch nicht dort bleiben können?
„Alles, was ich habe, verdanke ich einer Stadt, die mir meine totale Unfähigkeit vor Augen geführt hat“, notiert sie kurz vor ihrem Rückflug. Die erfahrene Demütigung in Tokyo erst hat ihr das Schreiben ermöglicht und die Schriftstellerin von heute geformt.
Ich verstehe es nicht, deshalb schreibe ich.

Bibliografische Angaben
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07380-5
Originaltitel: L’impossible retour
Erstveröffentlichung: 2024
Deutsche Erstveröffentlichung: 2026
Übersetzung: Brigitte Große
