Alles begann in einer Januarnacht. Erschöpft saß ich in einem Bahnhofsrestaurant in Yokohama und starrte auf die Uhr, die unerträglich langsam auf zwei Uhr zu kroch. So spät in der Nacht mochte ich nicht einmal mehr ein Buch in die Hand nehmen.
Nanako Handa ist Buchhändlerin und mental ziemlich erschöpft. Seit sie sich von ihrem Mann getrennt hat, übernachtet sie bei Freundinnen, in Kapselhotels oder öffentlichen Badeanstalten. Zu allem Überfluss bereitet auch ihr Job Probleme. Village Vanguard (Anm.: eine reale Kette in Japan) ist nicht mehr das, was es einmal war, und der Alltag dort begeistert sie immer weniger. In einer Zeitschrift stößt sie eines Tages auf einen Bericht über die App „Thirty Minutes“. Dating ist nicht Zweck der App: Man trifft sich für 30 Minuten zum Quatschen — die App bringt Menschen zum Austausch zusammen. Hanada meldet sich an und verspricht jedem Gegenüber am Ende des Gesprächs eine persönliche Buchempfehlung.
Das Buch entstand aus einer Serie von Essays, die Nanako Harada zunächst online über ihre Erfahrungen mit Thirty Minutes geschrieben hat. Eine Handvoll Spinner, Selbstdarsteller und Anbaggerer sind vor allem zu Beginn dabei. Doch die Mehrzahl der Menschen, denen sie begegnet, nutzen Thiry Minutes genau so, wie die App gedacht ist. Hanada genießt die Treffen immer mehr und lernt, aus sich herauszugehen. Aus einigen Treffen entwickeln sich Freundschaften; wieder andere Begegnungen liefern Impulse, um sich im Leben ohne Ehemann und mit einem unbefriedigenden Job neu zu orientieren.
Ein Memoir, das Mut machen kann
Die Leute … schienen alle rastlos und auf einer nur ihnen bekannten Suche zu sein. Zufriedene Menschen, die mitten im Leben standen, … fand man hier nicht. Die Leute auf Thirty Minutes waren irgendwie alle an einem Wendepunkt ihres Lebens angekommen. … Da wir alle instinktiv erkannten, dass wir gleichgesinnten gegenübersaßen, zeigten wir einander unsere Verletzungen, um uns zumindest für die Dauer einer halben Stunde im Geiste zu wärmen und aneinanderzuschmiegen.
Nanako Hanada findet innerhalb dieses Jahres einen Weg, der zu ihr passt – das ist an dieser Stelle ganz sicher kein Spoiler. Aus ihrer Idee, persönliche Buchempfehlungen zu geben (Frau Komachi lässt grüßen), wird eine immer verfeinertere Version, die ihr schließlich eine neue berufliche Perspektive öffnet.
Eine „einsame Buchhändlerin“, wie es der Titel beschreibt, trifft man hier weniger an. Eher eine Frau, die über ihre Neuorientierung schreibt. Damit kann sie sicher Mut machen; so, wie sie einer Szene einer Kundin Trost in der in Trauer mit der richtigen Buchauswahl geben kann. Die „Kraft der Bücher“ wird hinsichtlich Hanadas Story in der Werbung für meine Begriffe aber ein bisschen überstrapaziert. Wer genau schaut, sieht, dass die Autorin einfach ihrer Leidenschaft nachgeht — salopp gesagt, hätte sie sicher auch mit einem Händchen für Aquarelle oder Schneiderei oder Tischlerei ein besseres Standbein gefunden. Was den Bonus des Buches insgesamt hier aber nicht schmälern soll: Beste Lektüre für Literaturfans, für Suchende, für Hoffende oder für alle, die sich gerade nicht so wohl in ihrer Haut fühlen.

Inzwischen ist Nanako Hanada übrigens noch einen Schritt weitergegangen: Sie besitzt im Bezirk Suginami einen eigenen Buchladen. Die Bücher, die sie ihren Thirty-Minutes-Bekanntschaften empfiehlt, könnte man dort viellleicht abholen oder bestellen. Allerdings nur auf Japanisch. Die wenigsten davon wurden ins Deutsche übersetzt. Eine Liste am Ende des Buchs listet aber alle genannten Titel auf (sofern sie übersetzt wurden, ist das erwähnt), und dass dieser Buchteil erhalten wurde, rundet das Memoir ab.
Bibliografische Angaben
Verlag: Knaur
ISBN: 978-3-426-29368-3
Originaltitel: Deaikei saito de 70 nin to jissai ni atte sono hito ni aisouna hon wo susumemakutta 1 nenkan no koto (出会い系サイトで70人と実際に会ってその人に合いそうな本をすすめまくった1年間のこと)
Erstveröffentlichung: 2018
Deutsche Erstveröffentlichung: 2024
Übersetzung: Sabrina Wägerle
