Hiroko Oyamada – Die Fabrik

von Bettina Schnerr
2 Minuten Lesezeit
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Irgendwo in Japan gibt es „die Fabrik“. Namenlos nicht nur im Jargon der Einheimischen — sie ist ebenso gesichtslos wie ihr Zweck. Niemand weiß, was eigentlich hergestellt wird. Auch nicht die Mitarbeitenden, obgleich die Fabrik der größte Arbeitgeber weit und breit ist. Hier fangen drei junge Leute an und erhoffen sich eine solide Laufbahn.

Eine junge Frau bewirbt sich auf eine ausgeschriebene Festanstellung. Sie landet als Teilzeitkraft in einem Team, das ganztägig Shredder mit großen Mengen Papier füttert. Aus der Universitätsforschung wirbt die Fabrik einen Moosspezialisten ab, um ein Projekt zur Dachbegrünung aufzuziehen — im Alleingang. Und ein ehemaliger Systemingenieur korrigert als Zeitarbeiter diverse Dokumente. Wer sie schreibt oder wo sie nach der Korrektur hinkommen, weiß niemand. Und niemand scheint es wissen zu wollen. Nicht einmal die Inhalte lassen darauf schließen, was hier passiert, so willkürlich sind die Texte zusammengewürfelt.

Die seltsame Logik eines Molochs

Hiroko Oyamada zeichnet das Bild einer Welt, in der Arbeit nur noch um ihrer selbst Willen existiert. Bei ihr sind „Bullshitjobs“ nicht nur Teil eines Unternehmens — sie machen den gesamten Konzern geradezu aus. Die Vereinnahmung durch die Fabrik ist dabei grenzenlos. Praktisch alles wird intern erledigt, von der Gartenarbeit bis zur Verpflegung. Das schier unendliche Gelände verfügt über die komplette Infrastruktur einer Stadt. Inklusive einem Museum, mehreren Arztpraxen oder Supermärkten und Wohnblöcken. Selbst die Tiere auf dem Gelände scheinen besondere Spezies zu umfassen, die nur hier auftreten und nirgends sonst.

Je länger man die drei Menschen begleitet, umso gruseliger entwickelt sich das Setting. Die Entkopplung vom eigentlichen Produkt ist so umfassend, die Arbeit in willkürliche Projekteinheiten unterteilt, und zugleich den meisten Kolleginnen und Kollegen völlig gleichgültig. Jahre vergehen, ohne dass eine der drei Tätigkeiten auch nur den Hauch eines Sinns ergibt. Da ist es kein Wunder, dass irgendwann die Grenzen zur Realität verschwimmen.

Perspektivgewinn durch Überspitzung

Oyamada braucht nur rund 160 Seiten, um Arbeitsstrukturen zu zerlegen. Eine hohe Spezialisierung kreiert oft genug monotone Arbeitsplätze; ein Gedankenmodell, das wir wohl der Industrialisierung verdanken dürften. Wer damals die ersten Managerriegen bildete, kam in der Regel aus der Produktionstechnik. Also aus einer Gruppe von Männern, die Menschen infolge ihrer Ausbildung oftmals für genauso regelbar und optimierbar hielten wie Maschinen. Ein verheerendes Bild, das bis heute wirkt und an dessen Korrektur sich keiner so recht traut.

Am Ende bleibt nichts anderes, als das Buch auf sich wirken zu lassen. Zu schauen, wie sich Personen verlieren, wenn über Jahre hinweg weder für sie noch für die Gesellschaft etwas Brauchbares herauszukommt. An den Arbeitsstrukturen scheitern vor allem die Jungen, die berufliche Pläne haben, sich entwickeln möchten, etwas beitragen wollen oder von Familiengründung träumen. Während viele der älteren Charaktere die Arbeit hinnehmen, weil es „schon immer so war“, schauen die jüngeren mit einer anderen Perspektive auf die Entwicklung. Man sollte mit ihnen gemeinsam schauen.


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Bibliografische Angaben

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00794-2
Originaltitel: Kōjō (工場)
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Erstveröffentlichung: 2026
Übersetzung: Nora Bierich

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