Nanae Aoyama – Eigenwetter

von Bettina Schnerr
2 Minuten Lesezeit
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Chizu steckt mit ihren zwanzig Jahren in einem Niemandsland fest. Sie hat keine Ahnung, wohin sie ihr Leben führen wird, geschweige denn, wohin sie selbst will. Ihren Vater hat sie seit rund 15 Jahren nicht mehr gesehen und Geschwister hat sie keine. Mehr als die fixe Idee, sich in Tokyo eine Million Yen anzusparen und auf eigenen Beinen zu stehen, hat sie nicht. Wie? Keine Ahnung.

Als ihre Mutter ein Stellenangebot in China annimmt und Chizu nicht mitgehen möchte, bringt diese sie bei Großtante Ginko unter. Offenbar war Ginko früher öfter die erste Anlaufstelle, wenn jemand aus der Familie nach Tokyo ziehen wollte. Doch viel mehr, als dass Ginko ungefähr siebzig ist, weiß auch die Mutter nicht. Umso mehr fühlt sich der Umzug in das Zimmerchen mit den Fotos längst verstorbener Katzen an, wie die Platzierung in einer Abstellkammer. Für Chizus Stimmung ist das nicht gerade hilfreich.

Der Umzug ist ein kräftiger Bruch mit allem, was Chizu vertraut war. Mit der Großtante kann sie zunächst nicht viel anfangen. Mit dem Freund ist es schnell aus, und als Hostess hält sie sich über Wasser. Zwar kommt sie über die Runden, aber irgendwie fühlt sich das nach wie vor nicht wie ein „Weg“ oder ein „Leben“ an.

Alles braucht seine Zeit

Etwa ein Jahr lang begleitet Nanae Aoyama die junge Frau in einem besonders ruhigen Roman. Selbst ihre Trennungen und neue Beziehungen scheinen in diesem Umfeld dahinzuplätschern. Dabei haben sie durchaus Einfluss, wirken im Selbstfindungsprozess aber eher wie Stationen, an denen man nun mal vorbei muss.

„Du hast gut lachen. Du hast das Schlechte schon hinter dir. Alles von vor zig Jahren schön vergessen, und freust dich jetzt jeden Tag des Lebens.“
„Du etwa nicht?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
„Nein, nicht — im — geringsten“, erwiderte ich.

Ginko mischt sich nicht sonderlich in Chizus Leben ein, zeigt durch ihr Dasein aber indirekt, dass Pläne, Wünsche, Träume und auch Liebe ein Leben lang halten. Ein Rückschlag ist nur einer von vielen Bausteinen entlang des Wegs. Aoyama erzählt „Eigenwetter“ auf stille, recht distanzierte Weise. Für die Entwicklung ihrer Hauptperson arbeitet sie stattdessen mit einem raffinierten Symbol: Chizu verbindet sich mit ihrer Umwelt oft durch kleine, persönliche, aber geklaute Gegenstände. Der Umgang damit zeigt die Reifung von Chizu zu einer jungen Frau, die offen auf das Leben zugeht, am allerbesten.

Nanae Aoyama - Eigenwetter

>> Das Buch erhielt 2006 den Akutagawa-Preis.

Bibliografische Angaben

Verlag: Cass
ISBN: 978-3-944751-4
Originaltitel: Hitoribiyori (一人日和)
Erstveröffentlichung: 2006
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Katja Busson

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