Hiro Arikawa – Die Reisenden der Hankyu-Bahn

von Bettina Schnerr
2 Minuten Lesezeit
Header: Hiro Arikawa - Die Reisenden der Hankyu-Bahn. Foto: Kamalrud Salleh / unsplash

Alle möglichen Personenkonstellationen – Singles, Freunde, Paare, Familien, Kollegen — eilen schnellen Schrittes über den Concourse. Doch was jede Person gerade denkt oder fühlt, weiß nur sie selbst.

An einem beliebigen Tag steigen am Bahnhof Takazuka verschiedene Menschen in die Bahn Richtung Nishinomiya. Unter ihnen der junge Angestellte Masashi, gerade mit reicher Ausbeute aus der Bibliothek gekommen. Und ausgerechnet neben ihn setzt sich jene junge Frau, die ihm gelegentlich „seine“ Bücher vor der Nase wegschnappt. Eine „Rivalin“, wie er findet. Doch heute kommen sie zufällig ins Gespräch.

Kurze Zeit später steigt Shoko zu. Sie kommt von der Hochzeit zweier Arbeitskollegen und ist in Gedanken versunken. Shoko wird auf das Gespräch von Masashi neben sich aufmerksam, als dort die Worte „ein Fluch“ fallen. Trifft das etwa auch auf sie zu? Denn eigentlich hätte sie die Braut sein sollen. An einer folgenden Station fällt Oma Tokie und ihrer Enkelin Ami Shoko in ihrem herrlichen Kleid auf. Amis Neugier bringt sie ins Gespräch.

Herrlich ungezwungen findet Hiro Arikawa kleine Überleitungen wie diese zwischen den Episoden, und gewährt so Momentaufnahmen in unterschiedliche Leben. Alle stehen sie an kleinen oder großen Wendepunkten in ihrem Leben. Während Tokie überlegt, ob sie sich einen Hund anschaffen möchte, steht Misa vor einer weitreichenderen Frage. Sie wird von ihrem Freund verprügelt und zwei Gespräche an diesem Tag bringen sie ins Grübeln. Sie sollte einen Schlussstrich ziehen — und zwar schnell.

Das Rückfahrt-Ticket ist inklusive

Neue Fahrgäste stiegen auf der Rückfahrt von Nishinomiya-Kitaguchi nach Takarazuka ein — welche Geschichten sie wohl im Gepäck hatten? Nur sie selbst konnten das wissen. Der Zug war auf einer unendlichen Reise und führte so viele Geschichten wie Passagiere mit sich.

Ungefähr ein halbes Jahr später geht die Geschichte weiter. Die bekannten Reisenden der Hankyu-Bahn steigen wieder ein, dieses Mal in umgekehrter Richtung. Und ausgehend von Misas Situation nimmt der Zug Fahrt auf. Der Episodenroman nutzt das Konzept der Zugfahrt so stringent als Motiv, dass sich ein harmonischer und wirklich gut komponierter Handlungsstrang aufbaut. Hier passiert nichts von heute auf morgen – die Charaktere haben Zeit gebraucht, um sich neu zu orientieren, sich Hilfe zu holen oder auch einfach nur zu verlieben. In mehr oder weniger umgekehrter Reihenfolge erzählt die Autorin nun, was ihren Figuren seit der Hinfahrt passiert ist. Aus einer einfachen Bahnreise an einem zufälligen Tag wird für jeden der Fahrgäste eine Reise zu sich selbst.

Arikawas Roman zählt als Healing-Fiction und unter den zahlreichen Titeln dieses Genres ragen die beiden von ihr übersetzten Titel sicher positiv heraus. Schon bei „Satoru und das Geheimnis des Glücks“ gelang ihr ein berührender Roman, der auf Kitsch ebenso wie auf eine erzählerische Schablonentechnik verzichten konnte. „Die Reisenden der Hankyu-Bahn“ gilt in Japan als Romanklassiker und wurde 2011 verfilmt.

Der Streckenabschnitt, auf dem der Episodenroman spielt, gehört zur Hankyu-Bahnlinie im Großraum Kobe-Kyoto-Osaka und laut Arikawa ist es ein weniger bekannter Teil des Streckennetzes. Sie wohnt offenbar irgendwo entlang dieser Linie; mehr gibt sie aber nicht bekannt. Seit Beginn ihrer Karriere publiziert Arikawa unter einem Pseudonym und hat lediglich verraten, dass ein Teil ihren richtigen Namens im Pseudonym Hiro steckt. Den Nachnamen Arikawa wählte sie, weil ihre Bücher auf diese Weise zu Beginn der Bücherregale einsortiert werden müssen. Denn auch im Japanischen beginnt die Reihenfolge aller Kana-Zeichen mit dem A (あ).

>> Über die Sortierung japanischer Bücherregale habe ich einen eigenen Artikel geschrieben.

Bibliografische Angaben

Verlag: Hanserblau
ISBN: 978-3-446-28574-3
Originaltitel: Hankyu Densha (阪急電車)
Erstveröffentlichung: 2008
Deutsche Erstveröffentlichung: 2026
Übersetzung: Sabine Mangold

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