Mizuno verdient sein Geld als Autor von Kriminalgeschichten, die er als Episodenroman beim Verlag abliefert. Seine bevorzugte Technik dafür ist es, reale Bekannte als Vorbilder für seine Figuren zu nutzen. Bis auf die Namen ändert er in der Regel kaum etwas. Das wird ihm bei seiner neuesten Geschichte zum Verhängnis, denn darin bringt er einen von ihm wenig geschätzten Schriftstellerkollegen um. Ungefähres Alter, Wohnort, dessen abenteuerlicher Heimweg – alles fließt recht genau in die Geschichte ein und am Ende vergisst Mizuno wegen seiner Realitätstreue, den Namen jedes Mal säuberlich abzuändern. So rutscht ihm mehrfach der echte Name des Bekannten ins Manuskript und trotz panischer Anrufe beim Verlag kann er das nicht rückgängig machen. Nun weiß jeder, wem er den Tod wünscht, und nichts wäre schlimmer, als wenn jemand seine Geschichte als Vorlage nutzen und ihm einen echten Mord in die Schuhe schieben würde.
Dem ohnehin haltlosen Mizuno entgleitet sein Alltag nun völlig. Er nimmt sich selbst zwar wahnsinnig wichtig und rechtfertigt den unsteten Lebensstil mit seinem Beruf. Er nennt sich „Satanist“, um ungestört Trinkgelage, Schulden, mieses Benehmen und seine boshaften Geschichten rechtfertigen zu können.
Doch eigentlich ist er ein unzuverlässiger, trödelnder Nichtsnutz, der nur dann schreibt, wenn er dringend Geld für irgendwelche Exzesse braucht. Er steht an so vielen Orten in der Kreide, dass er sich nicht mehr überall blicken lassen kann. Immer mehr steigert sich Mizuno in die Angst hinein, dass am beschriebenen Tag ein echter Mord geschehen könnte. Sein Verlag kontrolliert ihn wegen seiner unsteten Lieferfristen sehr eng, und trotzdem wagt Mizuno, den Verleger um einige Yen zu betrügen. Denn er braucht seiner Meinung nach ein Alibi und ihm fällt nichts besseres ein, als sich das in Nachtclubs oder mit einer Prostituierten zu organisieren.
Die Grenzen verwischen
Tanizaki stellt Mizunos Geschichte auf den Kopf: Lässt der Schriftsteller zunächst die Realität seine Fiktion bestimmen, fürchtet Mizuno nach Erscheinen nichts mehr, als dass die Fiktion zur Realität wird. Seine Ängste bestimmen über weite Strecken den Roman. Kursive Passagen markieren, sobald man beim Lesen direkt in Mizunos Gedanken eintaucht. Was zunächst mit einem Schreck und einigen Bedenken beginnt, entwickelt sich zu einem wirren und manischen Gedankenfluss. Zumal Mizuno merkt, dass er an seinem vermeintlichen Sicherheitsnetz vieles nicht richtig durchdacht hat.

„Das Geständnis“ lässt sich als Charakterstudie eines Nichtsnutz lesen, der früher oder später an seinem Mangel an eigenem Willen scheitert. Irgendwann übernehmen andere die Steuerung und Mizuno scheint fast froh darum zu sein. Stilistisch zur Zeit der Veröffentlichung obendrein sicher ein gefragtes Experiment.
Gleichzeitig spielt Tanizaki sicher auch mit der Frage, inwieweit sich Geschichten überhaupt mit unserem Leben überschneiden. Gibt es welche, die gar nichts mit unseren Leben zu tun haben oder wurzelt nicht alles in unseren Taten, Ideen und Wünschen? Eine spannende Veröffentlichung, wenn man die eine oder andere Länge des Romans hinnimmt.
Bibliografische Angaben
Verlag: Septime
ISBN: 978-3-99120-019-2
Originaltitel: Kokubyaku (黒白)
Erstveröffentlichung: 1928
Deutsche Erstveröffentlichung: 2023
Übersetzung: Jan Manus Leupert
