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Die Wunderkammer der deutschen Sprache - Titelbild zur Rezension

Die Wunderkammer der deutschen Sprache

Die deutsche Sprache wandelt sich seit Anbeginn und erlaubt dadurch jederzeit neue Begrifflichkeiten durch Schöpfung, Übernahme oder Variationen. Wörter wanderten aus zahlreichen anderen Sprachen ein, veränderten sich in Gestalt und Bedeutung. Daraus entstand und entsteht noch immer eine riesige “Wunderkammer”, der sich die Herausgeber Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer widmen. Sie tauchen ab in die Vielfalt der Sprache und nehmen uns mit auf eine wunderbar illustrierte Entdeckungsreise. Damit diese viele Überraschungen bereit hält, fehlt zu Beginn ein Verzeichnis. Was bei anderen Sachbüchern ein Manko wäre, ist hier eine Einladung!

So startet die bunte Sprachereise mit Schlusssätzen aus den Märchen der Brüder Grimm. “Und wenn sie nicht gestorben sind …” ist nämlich keineswegs der Märchenstandard. Weiter geht es mit dem Jargon auf St. Pauli und einer Landkarte, welcher Landstrich welche Wörter für eine profane Murmel benutzt. Die Reise führt uns zu Dörrleichen und Scheidezeichen (niemals gelungene Eindeutschungen … von was wohl?) sowie zu durchixen und urschen (inzwischen ungebräuchliche Wörter, sagt das Buch — nicht ganz, übrigens, bei mir wird noch ausgeixt).

Eine Schatzkammer voller Überraschungen

Dazu gibt es auch ernstzunehmende Wortlisten. Eine zum Beispiel mit handfesten Beleidigungen und dem dazu passenden Bußgeld. “Bekloppter” ist mit 250 Euro noch vergleichsweise günstig; sparen kann man sich’s also wortwörtlich. Zu den Listen gehören auch jene 50 Wörter, die ein etwa zweijähriges Kind aussprechen können sollte. Zur Entschädigung, falls das Kind Brille, Tür und Bauch noch nicht sicher beherrscht, folgen auf dem Fuße die poetischen Kreationen der Jüngsten. Wir lernen: Wasser macht keine Krümel. Schriftsteller tragen ihre jeweils zehn liebsten Wörter zusammen, Scheinanglizismen werden entlarvt und wir lernen schwäbisch schimpfen (ich bin jetzt eine Maulschnall, weil ich weiß, was Pfengschdochs und Randschtoischloddzr sind).

Selbst im zweiten oder dritten Durchgang findet man Details, die man zuvor übersehen hatte. Das liegt nicht nur an der großen Vielfalt und der überbordenden Phantasie, mit denen die Herausgeber das Buch zusammengestellt haben, sondern auch an der Grafik. Mit der Akzentfarbe Orange, Spielereien im Satzbild, mit diversen Schriften und Illustrationen bekommt jeder Abschnitt ein eigenes Gesicht. Die Köpfe hinter dem Konzept sind die Grafiker 2xGoldstein und Erik Schöfer, die dem Buch vom Verlag das Kulturelle Gedächtnis ein individuelles Gesicht verliehen haben. Wie Nick Lüthi anmerkt, fehlen die Quellenangaben für die Materialien, die Böhm und Pfeiffer zusammengetragen haben. Zum reinen Schmökern, Stöbern und Genießen allerdings braucht man sie nicht und genau dafür liefert dieses Schmuckstück unendlich viele Möglichkeiten.

Das alles ist die Farbe Rot!

Bibliografische Angaben

Verlag: Verlag das Kulturelle Gedächtnis
ISBN: 978-3-946990-31-4
Erstveröffentlichung: 2019

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