Bei einer Einladung von gemeinsamen Bekannten lernen sich die Schriftstellerin Mona und der Maler Jonathan kennen. Sie verlieben sich, und Mona ist begeistert von Jonathans Blick auf Details und seine Fähigkeit, von jetzt auf gleich in Betrachtungen, Philosophie oder Kunstgeschichte abzudriften. Doch ein unbedachter Kommentar über Monas neues Buch löst einen Streit aus — und es ist einer zuviel. Mona verzieht sich wochenlang in eine kleine Tessiner Hütte, begleitet nur von einem Hund namens Quadrupede. Sie schürt das Kaminfeuer, durchkämmt die Gegend, und genießt Natur und Einsamkeit. Sie findet Zeit für Erinnerungen und Zeit fürs Nachdenken.
Jonathan ist ein eigenwilliger Künstler und Mona spricht und denkt sehr respektvoll über ihn. Sie liebt ihn spürbar und schildert gemeinsame Momente, in denen sie sich sichtlich gut ergänzen. Zwei erwachsene Menschen, denen mit zunehmendem Alter offenbar auch eine gewisse Gelassenheit zu eigen wurde. Die Vergangenheit des anderen, sein Dasein und sein Platz im Leben scheinen ein selbstverständlicher Teil seiner Geschichte. Und doch zeigen die Erinnerungen feine Risse.
Manipulation beginnt langsam
Beim Lesen wird so schnell deutlich, was Mona erst nach Wochen ohne Jonathans Einfluss vollständig erfassen wird: Seine Eigenheiten haben viel mehr mit Kontrollfunktion zu tun und sind ein Machtanspruch über sein Umfeld. Zuerst nur kleine Andeutungen: „Er war in der Lage, ihr zuzuhören, und manchmal antwortete er sogar auf das, was Mona sagte.“ Ein so feiner Riss, dass man ihn übersehen könnte. Später werden die Risse größer. Als Mona Großmutter wird zum Beispiel und Jonathan klar wird, dass seine Geliebte nun unweigerlich mehr Zeit mit der eigenen Familie verbringen wird. Nicht nur den Töchtern, sondern vielleicht auch zum Vater und der Schwester. Mit ihnen müsse sie brechen, wolle sie endlich erwachsen werden, reklamiert der Künstler.

Franziska Greising schreibt leise über eine toxische Beziehung und wird mit ihrem behutsamen Aufbau dem Problem gerecht. Die Autonomie nimmt schleichend ab. Sie zeigt sich im Lob von Ehepaaren, die nach außen völlig harmonisch wirken, und doch nur möglich sind, weil die Frau ihre eigenen Bedürfnisse ignoriert. Sie wird möglich, weil die Zuneigung des einen lange blind gegenüber den Einschränkungen durch den anderen machen kann. Und sie zeigt sich in der romantisch wirkenden Einladung, gemeinsam in ein Landhaus zu ziehen, weitab von ihrem privaten Umfeld. In einem Ort, in dem nur er über Jahre ein soziales Netz aufgebaut hat.
„Ein Sommer allein“ erforscht, ob es eine Balance geben kann. Kann man den absoluten Anspruch mit Liebe oder Akzeptanz im Gleichgewicht halten? Die Antwort kann immer nur in eine Richtung ausfallen. Wie jede, muss auch Mona selbst für sich feststellen, wann es genug ist. Nichts hilft in so einem Moment tatsächlich mehr als eine echte räumliche Trennung.
Bibliografische Angaben
Verlag: edition bücherlese
ISBN: 978-3-03981-001-7
Deutsche Erstveröffentlichung: 2024
