Andrea Fazioli – Wachtmeister Studers Ferien

Andrea Fazioli erhält unerwarteten Besuch: Der ehemalige Legionär Cattaneo hat einen Koffer voller Manuskripte gefunden. Er ist auf der Suche nach seiner Familiengeschichte und hofft, dass in den alten Blättern ein Stück davon zu finden sein wird. Der Krimiautor Fazioli soll die Geschichte entwickeln und in den Fragmenten noch dazu einen Mörder finden. Damit Fazioli auf keinen Fall Nein sagt, hat Cattaneo bereits Kontakt mit dessen Verlegerin aufgenommen. Obendrein stammen die Manuskripte auch noch von Friedrich Glauser, mit dem Cattaneos Großvater gemeinsam in der Legion war. Sie enthalten die Fragmente des „Ascona-Romans“, den Glauser nie vollendet hat. Catteneo glaubt, dass darin die wahre Geschichte seiner Familie steckt, verpackt als Roman. Faziolo lässt sich auf die Anfrage ein und erhält nun Stück für Stück einzelne Passagen zugeschickt.
Jener nie vollendete Roman spielt 1921, als sich Wachtmeister Studer nach langen 16 Monaten endlich Ferien nehmen kann und mit seiner Frau nach Ascona geht. Mit dem Mord in der Nähe einer alten Mühle beschäftigt er sich nur aus Gefälligkeit. Dem Künstler, der sich dort eingemietet hat, wurde er von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen, um Sprachbarrieren gegenüber der lokalen Polizei abzubauen.
„Wachtmeister Studers Ferien“ ist ein interessantes Experiment. Denn der Kriminalroman versucht nicht, einen Studer-Krimi zu reproduzieren, wie das zum Beispiel bei Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle passiert ist. Ja, mehrere Kapitel stammen ganz von Friedrich Glauser, bei anderen sind originale Passagen verwendet worden. Die Idee dazu hängt in der Luft — aber die Rahmenhandlung macht es letztlich unmöglich. Bereits beim Lesen wird deutlich, wo die Bruchkante verläuft. Auch dem Autor Andrea Fazioli fällt sie sofort auf, und so wird der Roman eher zu einer Überlegung, wie Friedrich Glauser zu seiner Romanidee gekommen sein könnte.
Verlag: Atlantis (bei Kampa)
ISBN: 978-3-7152-7505-5
Originaltitel: Le vacanze di Studer
Erstveröffentlichung: 2020
Deutsche Erstausgabe: 2022
Übersetzung: Franziska Kristen
Sy Montgomery – Tête-à-Tête mit einer Schildkröte

Einige Arten werden älter als Menschen und sie bevölkern die Erde schon seit dem Zeitalter der Dinosaurier: Schildkröten. Doch bei Natasha und Alexxia in Massachusetts finden jene Schildkröten ein Zuhause, die in freier Wildbahn überfahren oder verletzt wurden. Oder jene, deren Besitzer das Wachstum einst putziger Babys unterschätzt haben. Dutzende leben in der Rettungsstation, in der sich Sy Montgomery über Monate hinweg engagiert.
Montgomery lernt, wie man die Tiere – die sehr heftig beißen können – trägt, sie lernt füttern, „Physiotherapie“ betreiben und Gelege schützen. Sie ist bei Wind und Wetter draußen, um Schildkröten von Stränden zu retten oder aus Tümpeln zu holen. Und obendrein spürt sie, dass diese gemächlichen Tiere einen unglaublichen Überlebenswillen haben. Sie erlebt, wie gebrochene Panzer heilen, Antibiotika im langsamen Kreislauf zu wirken beginnen und wie kranke Beine wieder einsatzfähig werden. Montgomery muss aber auch Tiere beim Sterben begleiten, denen Schmerzmittel und Rund-um-die-Uhr-Betreuung nicht mehr helfen konnten. Umso mehr genießt sie es, wenn die Saison der Freilassungen beginnt.
Mir gefällt der Gedanke, dass diese Schildkröte noch lange nach unserem Tod über ihren schönen See herrschen wird.
Die intensive Beschäftigung mit den Schildkröten vermittelt Sy Montgomery sehr lebendig und liebevoll. Ihr sind die Tiere spürbar ans Herz gewachsen. Wie schon beim Oktopus oder dem Kolibri gewährt sie nicht nur einen großartigen Einblick in das Lebensumfeld der Tiere, sondern zeigt auch, welchen Einfluss unser Umgang mit der Natur für das Leben und Überleben der Schildkröten hat.
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07365-2
Originaltitel: Of Time an Turtles. Mending the World, Shell by shattered Shell.
Erstveröffentlichung: 2023
Deutsche Erstausgabe: 2025
Übersetzung: Stefanie Schäfer
Martin Suter – Können Sie mich sehen?

Martin Suter schickt die Führungsriegen Schweizer Unternehmen in eine neue Runde Stressbewältigung. Zu den kleinen Problemen in Lounges am Flughafen und der Frage, ob der Rasen rechtzeitig für die wichtige Geschäftseinladung vorzeigbar wird, gesellen sich ganz neu das Homeoffice und rigide Abstandsregeln. Wie zeigt man seine außergewöhnliche Performance, wenn einem niemand dabei zuguckt? Ist es für die Beförderungschancen beim kritischen Chef besser, die Maske abzunehmen, oder so aufzusetzen, wie man es daheim der Frau versprochen hat?
Denn sobald aus einem Mitarbeiter ein Vorgesetzter wird, beginnt der echte Stress. Das Management ist ein richtiger Dschungel und befördert wird nur, wer tadellos arbeitet und die Rückbank im Auto stets aufgeräumt präsentiert. Selbst die richtigen Manschettenknöpfe können einen ambitionierten Manager in geradezu hysterische Verzweiflung stürzen. Und wenn der Chef mit der Geliebten unterwegs zu sein scheint, gibt es nirgends einen sinnvollen Ratschlag, wie man zu grüßen hat. Ein falscher Satz in einem Meeting, und die Beförderung geht womöglich noch an eine Frau!
Über 40 Kolumnen lang nimmt Martin Suter die Aufstiegswütigen, die Selbstverliebten, die Wertschätzenden und sich Beweihräuchernden aufs Korn. Männer, die im Job alles richtig machen wollen, dem Aufstieg alles unterordnen, und dann an dem ganz Menschlichen scheitern. Weil halt leider in keinem Managementhandbuch steht, wie sich Kinder – sapperlot – auf die Karriere auswirken.
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07382-9
Erstveröffentlichung: 2026
