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Nick Rennison – Sherlock Holmes. Die unautorisierte Biografie

Ebenso faszinierend wie geheimnisvoll: Die Person Sherlock Holmes. Die Faszination verdanken wir seinem langjährigen Freund und Begleiter Dr. Watson, der einige Fälle der detektivischen Arbeit schriftlich festgehalten hat. Ohne diese Notate hätten wir heute keine Ahnung, in welchem Ausmaß der erste und einzige beratende Detektiv der Welt die Sicherheit in London und im englischen Königreich gewährleistet hat. Das Geheimnisvolle verdanken wir Dr. Watson allerdings ebenso. Denn leider sind die Fälle von Sherlock Holmes nur lückenhaft dokumentiert. Nick Rennison hat sich die Mühe gemacht, das verfügbare Material gründlich zu untersuchen. In seiner Biografie macht sich der Brite die Mühe, die Angaben mit den bekannten Problemen der Zeit abzugleichen, um dem Leben und Wirken des Detektivs näher zu kommen.

Etwas über 50 Kurzgeschichten und vier Romane existieren über die Abenteuer von Sherlock Holmes. Für den Rückblick auf ein arbeitsreiches Leben sind die Erzählungen zwar ausgesprochen unterhaltsam und prägend, gleichzeitig aber doch recht mager. Die Geschichten umspannen weniger einen längeren Zeitrahmen, als dass sie sich in einigen wenigen Jahren auffällig häufen, wie Rennison feststellt. Bei der Arbeit an Holmes‘ Biografie bleiben also viele Lücken, die anhand von Hinweisen und dem Abgleich mit historisch gesicherten Daten manchmal mehr, manchmal weniger gut rekonstruiert werden können. Rennison hält fest, dass alleine zu der Zeit, als Holmes sich mit dem „Hund der Baskervilles“ befasste, schon über 500 gelöste Fälle zu verbuchen waren.

Abgesehen von den erwähnten Fällen — in denen es zum Schrecken jedes Biografen von falschen Fährten und trügerischen Hinweisen nur so wimmelt — geht Watson mit keinem Wort auf Homes‘ Agententätigkeit ein. Und doch wäre ohne Holmes‘ Wirken die Entstehung des auf die Ausforschung einheimischer Staatsfeinde spezialisierten MI5 ebenso wie die Gründung des Auslandsspionagedienstes MI6 kaum denkbar.

Detaillierte Recherche

Man merkt der Biografie an, dass Rennison viel Zeit darauf verwendet hat, Watsons Aufzeichnungen zu verifizieren. Neben der sparsamen Abdeckung von Zeiträumen und Fällen überhaupt moniert der Biograf einerseits, dass Watson mit Rücksicht auf prominente Namen so einige Fälle fiktiv verfälscht habe. Das erschwere ihm die Vergleiche mit Fällen, die in Zeitungen dokumentiert sind. Andererseits seien ihm wahrscheinlich auch öfter Fehler unterlaufen, weil er die Fälle erst Jahre nach der Abwicklung veröffentlichte.

Als Beispiel nennt der die Kampftechnik des „Baritsu“, mit der Holmes brilliert habe. Tatsächlich heißt die Kampfkunst „Bartitsu“. Aber damit nicht genug. Holmes hätte die Technik am Reichenbachfall noch nicht einsetzen können, weil sie erst einige Jahre später vorgestellt wurde.

Auch fehlen ihm freilich Hinweise auf die Erlebnisse von Holmes, nachdem dieser nach dem Kampf am Reichenbach-Fall für einige Jahre im Ausland untergetaucht war. Teile davon kann Rennison halbwegs sicher vermuten. Die Aufzeichnungen von Huree Chunder Mookerjee, die Jamyang Norbu viele Jahre später sicherstellen konnte aber, die hat er nicht berücksichtigt. Auch hinterlässt Rennison keinen Hinweis darauf, dass Watson bereits bei der Adresse des Detektivs zugunsten der Privatsphäre mogelte.

Geniales Biografie-Patchwork

Nick Rennison hatte beim Schreiben vermutlich nicht nur sehr viel Arbeit, sondern spürbar auch eine Menge Spaß. Wer über eine Figur schreibt, der echte Personen an eine echte Adresse schreiben, sodass echte Sekretariate sich um Antwortschreiben kümmern, der muss sich freilich auch in der Biografie darum kümmern, dieser legendären Dimension von Sherlock Holmes gerecht zu werden. Und das macht der Brite so gut, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität bei der Lektüre oft hoffnungslos verschwimmen.

Einige der Personen, die er als Wegbegleiter, Vorfahren oder Bekantschaften nennt, dürfte er tatsächlich in alten Dokumenten gefunden haben. Holmes mit der realen Mordanklage gegen Adelaide Bartlett zu verknüpfen, ist eine offensichtlicher Schachzug. Aber hat es die Berichte über eine Schießerei unter Europäern im echten Calcutta Telegraph tatsächlich gegeben, mit denen Rennison Holmes‘ Aufenthalt in Tibet untermauern will? Und gab es in der Dublin Gazette tatsächlich eine Verhaftetenliste, die rein zufällig Namen aus einer der Geschichten listet?

Vielleicht gibt es Sherlock-Holmes-Enthusiasten, die die Grenzen ganz gut ausloten können. Der großen Mehrzahl dürfte das nicht gelingen. Das geschickte Navigieren zwischen historischen Fakten und Holmes Biografie geschieht mit so großer Kreativität, dass die Lektüre ein richtiger Leckerbissen wird – ganz sicher für beide Parteien.


[Basil] Rathbone spielte den Detektiv zum ersten Mal 1939 in „Der Hund der Baskervilles“, ein Jahrzehnt nach Holmes‘ Tod, und es ist nicht bekannt, dass die beiden einander je begegnet wären.

Das stimmt wohl, aber Lestrade und Watson sind ihm begegnet. Rathbone selbst dürfte sich an die Begegnung wohl kaum erinnern.


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Bibliografische Daten

Verlag: Artemis & Winkler
ISBN: 978-3-538-07246-6
Originaltitel: Sherlock Holmes. The unauthorized Biography
Erstveröffentlichung: 2005
Englische Veröffentlichung: 2007
Übersetzung: Frank Rainer Scheck, Erik Hauser

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