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Simon Froehling – Dürrst

Simon Froehling - Dürrst; nominiert für den Schweizer Buchpreis 2022

Als ich das Cover zum ersten Mal flüchtig überflog, erkannte ich auf Anhieb nicht, dass darauf eine kleine Einwegkamera abgebildet war. Ich dachte beim schwarzen Auge zunächst an eine lustig bemalte Waschmaschine. Nun, nachdem ich den Roman beendet habe, passt nicht nur die Kamera als Titelmotiv. Tatsächlich spielen solche Kameras eine große Rolle. Waschmaschine, finde ich, hätte vermutlich ebensogut gepasst. Denn Simon Froehling setzt seine Hauptfigur einem Leben im Schleudergang aus und versteht es, das auch schriftlich zu vermitteln.

Seine Hauptfigur ist Hans-Peter Durrer, ein Sohn aus wohlhabendem Haus. Spitzname „Dürrst“. Dürrst und Elternhaus, das sind zwei Dinge, die sich schon früh nicht miteinander vertragen. Das ist nicht nur Rebellion gegen eine Familie mit wohl einstudierten Regungen, die jede Begegnung mit anderen als Auftritt begreift und auf Außenwirkung bedacht ist. Das ist auch ein Begreifen, dass die eigene Homosexualität nicht ins Bild einer „gutsituierten Familie“ passt. Vor allem nicht in das des Vaters. Dürrst zieht daheim aus und stürzt sich mit seinen Freunden ins Zürcher Partyleben und die Künstlerszene. Heimlich unterstützt von seiner Mutter.

Simon Froehlings zweiter Roman öffnet den Blick in die Lebensrealität eines homosexuellen Mannes, der zwischen Dating- und Künstlerszene seinen Weg sucht und immer wieder mit den Abgründen seiner bipolaren Erkrankung konfrontiert ist. Konsequent in der zweiten Person erzählt, hält das Buch Leser:innen auf Distanz und geht doch unter die Haut.

aus der Jurybegründung zur Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2022

Vor Dürrst liegt ein langer Weg zu einem Menschen, der sich so akzeptieren kann, wie er ist. Seine engen Freunde haben das schneller im Griff und wissen, mit seiner bipolaren Affektstörung umzugehen – denn diese ist es, die sein Leben viel mehr prägt als alles andere. Die Freunde sind es also, die nach Dürrst schauen, wenn es zu ruhig um ihn wird. Sie sind es, in denen er eine Familie findet. Und eines Tages findet Dürrst, er sei „gesund genug, sich zu verlieben“. Er schmeißt die Dating-Apps vom Handy und will das wilde Navigieren zwischen verschiedenen Liebhabern sein lassen. Kurz darauf trifft er auf Paul, verliebt sich tatsächlich und schwankt zwischen dieser plötzlich ernsten Liebe und dem Gefühl, dass diese Liebe wie durch einen Pieks in einen Luftballon jederzeit explodieren könnte. Kann er denn mit einer chronischen Krankheit für so einen wunderbaren Menschen wirklich ein Partner sein?

Atemloses Episodenwirbeln

Simon Froehling erzählt die Geschichte von Dürrst nicht nur in der zweiten Person. Er verzichtet im gesamten Buch auf jegliche Einteilungen, die über drei Sternchen als Abschnittstrennung hinausgehen. In all diesen Abschnitten tanzt er auf verschiedenen Zeitebenen. Einige wenige Rückblicke führen ins Elternhaus, viele andere erzählen von Reisen nach Ägypten oder Griechenland, wo er eine kleine Wohnung besitzt. Froehling erzählt von den Kunstausstellungen, die Dürrst bestreitet und von den Inspirationen, die ihn treiben. Er berichtet von Spitalaufenthalten, Therapeutinnen und Dürrsts großen Tiefpunkten und auch von der immer schwelenden Hoffnung, das Leben ganz alleine in den Griff zu bekommen.

Auf dem Treppenabsatz bleibst du stehen, willst Yuri etwas Böses an den Kopf werfen.
„Du schreibst und mitten in der Nacht“, kommt er dir zuvor, „morgens um vier, Dutzende SMS. Die immer länger werden. Mit immer mehr Tippfehlern. Wir kennen dich. Du kippst hinüber.“
„Ich bin keine Milch, die schlecht wird“, sagst du und nimmst, so langsam du kannst, Stufe um Stufe nach unten.

Das Leben von Dürrst zeigt sich unberechenbar und Froehling schafft es, genau dieses Gefühl beim Lesen zu vermitteln. Eben wie bei der Waschmaschine, die ich auf dem Cover zu sehen glaubte: Da taucht ein Wäschestück im Bullauge auf und während man noch überlegt, welches Shirt das war, rotiert es schon wieder weiter. Trotzdem verliert man nie den Anschluss an die Geschichte und hofft mit Dürrst gemeinsam, dass Paul für ihn dieses Stück Normalität, dieser ganz persönliche Halt ist, den er die ganze Zeit gesucht hat.

Bibliografische Angaben

Verlag: Edition Bücherlese
ISBN: 978-3-906907-55-0
Erstveröffentlichung: 2022

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