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Sonja M. Schultz – Hundesohn

Sonja M. Schultz - Hundesohn

Irgendwo in Norddeutschland kriecht Hawk unter. Aus dem Knast entlassen, will er sein restliches Leben so langweilig und geordnet verbringen wie möglich.

… und zweitens war er sauber, seit er dem Knast Adieu gesagt hatte, ein solider Typ, der im Telefonbuch stand, mit seinem Namen am Briefkasten und einem Job auf Kontonummer.

Er arbeitet bei einem Security-Unternehmen und hütet Firmengelände. Doch eines Tages, als er sich in der Kneipe den Feierabend gefallen lässt, geht “Miss Stetson” in Flammen auf, sein heißgelieber Alfa Romeo. So sehr Hawk seine Vergangenheit loslassen will, so sehr ist jemand anders gerade deswegen hinter ihm her. Optionen gibt es einige, doch eigentlich pflegt selbst der erbarmungsloseste Feind einen ganz anderen Stil.

Ruhe hat er in seinem Provinzkaff keine mehr. Er geht, noch mit all seinen unversorgten Brandwunden, nach Hamburg, um ehemaligen Weggefährten auf den Zahn zu fühlen.

“Die ganze Stadt war eine offene Rechnung.”

Der Roman passt in keine Schublade

Sonja M. Schultz liefert mit ihrem Debut Hundesohn einen temporeichen Kiezroman (Buchtrailer). Ich habe das Gespür verloren, wie wenig Tage ihr Hawk eigentlich hatte, um in seinen Feldzug gegen den unbekannten Brandstifter zu ziehen. So wenig Hawk ausruht, so wenig Ruhe hatte ich. Das Buch konnte ich einfach nicht liegen lassen, ich musste in demselben Tempo mit.

Ich erinnere mich an eine Lesung im Literaturhaus Thurgau, bei der Schultz erzählte, wie schwer sich manche Agenturen oder Verlage mit ihrem Buch taten. Kiezkrimi, Roman, Familiendrama? In Hundesohn steckt von allem etwas drin, ohne dass der Roman jemals die Balance verliert. Hawk ist geprägt von den Marotten des Vaters, ein ehemaliger Soldat, unerbittlich und emotional verstockt, der seine Hunde besser behandelt als den Sohn. In ihm steckt ebenso die ausgeglichenere amerikanische Mutter, die als Sekretärin nach Deutschland kam, dem Ehemann aus falsch verstandener Rücksicht aber nie in die Quere kam. Dafür half sie Hawk, zu Hause abzuhauen und in Hamburg sein Glück zu versuchen.

Dass Hawk von allen Abzweigungen, die ihm hilfreich geboten wurden, ausgerechnet die zum Bösen nimmt? Der durchgebrannte Teenager von damals kann gar nicht anders, als zu hoffen, dass ihn die halbseidenen Typen aus dem kleinbürgerlichen Mief herausholen. Sie arbeiten so anders, sehen so vielversprechend aus … irgendwann ist es zu spät. Hundesohn trennt fein säuberlich zwischen den Menschen, die es raus haben, wie man Geschäfte macht und jenen, die einfach den Kopf über Wasser halten wollen.

Wow, der Sound!

Es liegt sicher nicht am Jahr 1989, in dem der Roman spielt, dass weder die Polizei gewillt ist, dem ehemaligen Häftling Hawk zu helfen, noch dass Hawk überhaupt auf die Idee kommt, es gäbe einen anderen Weg, als mit einem geklauten Auto selbst auf Rachefeldzug zu gehen. Das Buch ist in dieser Hinsicht zweifelsohne zeitlos.

Sonja M. Schultz erzählt in einem unglaublichen Slang, der den Roman maßgeblich prägt. Der ist schnoddrig und hat eine ebenso kraftvolle Wirkung wie bei Simone Buchholz. Die Sprache ist fantasievoll, die Beschreibungen und Metaphern funktionieren auf den Punkt. So viel Sprachgewalt fasziniert mich und alleine schon deshalb bin ich gespannt, ob und wann ein neues Buch kommt.

Hawk schnappte nach Luft, weil jemand sein Bein zerschossen hatte, genauso fühlte sich das an, weil sein Mund voll Rauch war und er nur noch Qualm in die Lungen röchelte, weil er glaubte zu sehen, wie der Hut auf dem Armaturenbrett, der graue Stetson, sich in einem Vogelschwarm aus Asche verwandelte, abhob und alles mit sich nahm, was natürlich Quatsch war, weil es im Inneren des Wagens nichts mehr gab außer Feuerrausch, Atomexplosion und ein letztes sich aufbäumendes Hupen wie beim Untergang der Titanic.

Bibliografische Angaben

Verlag: Kampa
ISBN: 978-3-311-10013-3
Erstveröffentlichung: 2019

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