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Lola Randl – Der große Garten

Wir sind irgendwo in der Uckermark. Auf dem platten Land, auf das sich die Ich-Erzählerin zurück gezogen hat, weil das Landleben von der Stadt aus gesehen so idyllisch und vielversprechend aussieht. Dabei soll die Uckermark, so hört man, eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Westeuropas sein. Da kann man echt nicht viel machen, außer, sich einen Liebhaber zu angeln und eine Gartenenzyklopädie zu schreiben. Direkt umgeben von soviel Land muss das einfach gelingen.

Zugegeben, ohne die Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 hätte ich das Buch nie gefunden (und ich war schon im letzten Jahr von einem Longlist-Naturthema so begeistert, nämlich Hysteria, dass ich hier sofort eine gewisse Resonanz verspürte). Ich hätte ohne Lola Randl was verpasst — sowas Witziges hatte ich da nicht erwartet. Gelang das Buch etwa deshalb nicht auf die Shortlist, weil die Endauswahl lieber auf Ernsthaftigkeit setzt? Und bevor der Humor am Ende noch gewinnt …

Das Buch der kurzen Momente

Lola Randl hält sich nie lange bei einem Thema auf. Sie erzählt in sehr kurzen Episoden unter Titeln wie Apfeltag, Beet I bis Beet III, Hybride, Broiler oder Masterplan. Das klingt nicht zusammenhängend und trotzdem gelingt es, daraus ein Panorama dieses piefigen Dorfes zu erstellen und einen Erzählstrang aufzubauen.

Andere Episoden erzählen in Etappen die Geschichte des Dorfs, über Emily, die frühere Burgherrin, oder ihren geschäftlich unfähigen Sohn. Randl streift die Kriegsverluste und die Zeit der LPGs. Nur um am Ende verstehen zu geben, dass das Dorf sein Tagesgeschehen doch ziemlich unabhängig nimmt. Da ist jeder Saatgutkatalog näher an den Leuten und bedeutender.

Ein Garten ist immer ein Kampf zwischen den eigenen Vorstellungen und äußeren Gegebenheiten.

Viele Episoden spannen klammheimlich den Bogen vom heimischen Garten zum Leben überhaupt. Das ist neben dem Humor das zweite großartigte Element an diesem Buch. Was vordergründig ganz harmlos scheint, ein bisschen Garten hier und dort, steckt knietief in einer brillanten Beobachtung all der Mätzchen, mit denen sich der Mensch wichtig tut. Mein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Geschichte der Brache, die besser keine Brache mehr sein soll, damit sich Menschen mit gewagten Konzepten und total natürlichen Materialien selbst verwirklich können.

Warum einfach, wenn’s auch schwer geht?

Die geradezu simplen Regeln, din der Natur zu beobachten sind, konterkariert Randl mit ihrer Ich-Erzählerin (und nicht nur mit ihr). Die Erzählerin pflegt ein eher komplexes Leben. Auf der Saatgutbörse angelt sie sich einen Liebhaber, der im winzigen Dorf nun harmlos neben dem Mann platziert werden muss. In der Stadt hat sie noch einen Analytiker, warum auch immer, mit dem sie letztlich nur ins Bett geht. Die Therapeutin stellt kritische Fragen, weil sie das nun mal muss, ohne etwas therapierbares zu finden oder überhaupt zu therapieren. Aber nun gut, der moderne Stadtmensch geht zum Therapeuten.

Der Analytiker sagt, gegen die Angst vor dem Tod hilft nur Sex. Das stimmt, aber es hilft auch nur kurz. Eine Gartenenzyklopädie hilft da schon länger.

Die Irrungen und Wirrungen erzählt die Frau mit gespielter Naivität, die bisweilen zur einfachen Kindersprache gerät (wenn es beispielsweise um die Lieblingskartoffeln von Herrman geht, herrlich!). Lola Randl würfelt ihre Episoden bunt durcheinander. Ganz wie den großen Garten, den man durchstreift, mal hier etwas sieht, dann dort, Neues entdeckt, anderes wiederfindet, um am Ende einen üppig geplanten Bauerngarten durchstreift und genossen zu haben und man heiter und beeindruckt die Heimreise antritt.

Bibliografische Daten

Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-95757-709-2
Erstveröffentlichung: 2019

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