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Andreas Neuenkirchen – Codename Sempo

Andreas Neuenkirchen – Codename Sempo

Rückblickend bleiben mir bei Chiune Sugihara vor allem zwei Eigenschaften im Sinn: Ein gewisser Eigensinn und eine große Standhaftigkeit — oder auch Gewissen genannt. Beides beschreibt den Diplomaten vielleicht nicht umfassend. Beides aber legt den Grundstein für seine außergewöhnliche Karriere.

Mit seinem Eigensinn geht die Laufbahn überhaupt los. Chiune Sugihara studierte gegen den Willen des Vaters keine Medizin. Der Vater versagte ihm daraufhin jegliche Unterstützung. Chiune meldete sich also beim Außenministerium für ein Sprachstipendium, um finanziell abgesichert zu sein – und geriet so in seine abenteuerliche Laufbahn. Er zog für ein Russisch-Studium in die Mandschurei, damals japanische Kolonie, und landete an einer Sprachschule, die gleichzeitig Spione ausbildete. Andreas Neuenkirchen notiert, dass Sugihara zu diesem Zeitpunkt bereits zwei wesentliche Eindrücke prägten: Erstens fand er immer schnell einen Draht zu anderen Menschen und sein Talent für andere Sprachen kam ihm stets gelegen. Und zweitens missfiel ihm sowohl in Korea (wo sein Vater lebte) als auch der Mandschurei die Art und Weise, wie Japan als Kolonialherr mit der ansässigen Bevölkerung umging. Er kündigte aus diesem Grund schlussendlich, kehrte nach Japan zurück und wurde zu neuen Aufgaben entsandt.

Arbeit in Europa

Nach einer Zwischenstation in Finnland wurde Chiune Sugihara 1939 Vize-Konsul in Litauen. Eines seiner Kinder erinnert sich, dass der Vater ständig Fotos „von nichtssagenden Dingen“ fotografierte. Bei einer nicht existierenden japanischen Bevölkerung im Land wird er im Konsulat auch nicht viel zu tun gehabt haben. Vielmehr war er erneut als Spion eingesetzt und kümmerte sich um russische und deutsche Truppenbewegungen.

1940 setzen die Repressalien den jüdischen Bewohnern und Flüchtlinge derart zu, dass sie die japanische Botschaft belagerten, um an Transitvisa zu kommen. So arbeiteten dann der holländischen Konsul Jan Zwartendijk und Sugihara zusammen und stellten tausende solcher Visa aus. Sehr großzügig und in der Hoffnung, niemand möge allzu genau hinsehen. Der eine gewährte Asyl in holländischen Kolonien, der andere beschaffte passende Transitvisa nach Japan durch Russland, damit die Juden nicht über Deutschland reisen müssen. Er würde die Arbeit später von Prag, Rumänien und Kaliningrad (damals: Königsberg) fortsetzen, bevor er am Kriegsende zunächst mit seiner Familie im Lager landete und dann durch Russland nach Japan zurückkehren konnte.

Die Sugiharas sollten erst Jahrzehnte später erfahren, dass sie in Russland zeitweise auf exakt derselben Strecke unter denselben Bedingungen unterwegs waren wie damals ihre Bittsteller aus Litauen.

Spannende Aufarbeitung, bewegende Zeitgeschichte

Andreas Neuenkirchen beschränkt die Biografie von Chiune Sugihara keineswegs auf diese europäischen Jahre. Er erzählt von Beginn an, wie Sugihara aufwuchs, was ihn zu dem Mann formte, der er war. Ebenso erzählt er, wie seine Karriere nach dem Krieg verlief: Die Japaner hatten nicht vergessen, dass all diese Visa gegen seine eigentlichen Anweisungen ausgestellt wurden. Chiune Sugihara wurde offiziell wegen „Umstrukturierungen“ entlassen und musste sich anderweitig Arbeit suchen.

Neuenkirchen ergänzt aber auch, wie es jenen Flüchtlingen erging, die es mit einem Transitvisum nach Japan geschafft hatten. Auf einige kann er gar detaillierter eingehen, weil auch ihre Biografien später im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Sugiharas Leben bekannt wurden. Das hat überraschend lange gedauert.

Erst 1968 kam ein erster Kontakt mit der israelischen Botschaft in Tokyo zustande. Ein Grund dafür ist Chiunes Name: 杉原 千畝. Die beiden letzten Kanji gab Sugihara selbst eine Zeitlang als „Sempo“ aus, unter anderem, weil die Russen ihn wegen seiner früheren Aufgaben in der Mandschurei als „Chiune“ nicht mehr im Land haben wollten. Beide Lesarten sind im Japanischen möglich. Doch wer in den Jahren nach dem Krieg nach einem „Sempo“ fragte, stieß immer auf ein Nein, weil das Amt seinen ehemaligen Mitarbeiter als „Chiune“ kannte. Wie Neuenkirchen schreibt, wäre mit ein bisschen mehr gutem Willen und weniger Bürokratiedenken durchaus eine schnellere Erkennung möglich gewesen.

Die darauf folgenden Ehrungen fanden zunächst allesamt außerhalb Japans statt. In der Heimat merkte man erst 1985, dass Sugihara im Ausland großes Ansehen genoss. Als erster Asiate erhielt er den Titel „Gerechter unter den Völkern“ in Yad Vashem.

Das einzige Manko, das ich sehe, ist, dass das gesamte Buch ohne Bild von Chiune Sughihara auskommt. Auf dem Cover ist er unkenntlich gemacht und die vollständige Aufnahme gibt es nicht. An Kritik wars das aber auch schon. Denn Neuenkirchen geht auch auf Spekulationen ein und zeigt, wo sie plausibel sind und wo eher nicht.

Rundum ist „Codename Sempo“ eine hoch interessante Biografie, die zeigt, wie wertvoll so genannter ziviler Ungehorsam bereits im Kleinen sein kann. Nicht nur ein interessantes Puzzleteil für das Geschehen im 2. Weltkrieg, sondern auch gegen das Vergessen ein wichtiges Zeitzeugnis.

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Bibliografische Angaben

Verlag: Europa Verlag
ISBN: 978-3-95890-490-3
Erstveröffentlichung: 2022

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