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Yukito Ayatsuji – The Decagon House Murders

Wenn Yukito Ayatsuji in seiner Widmung schreibt „Dedicated to all of my esteemed predecessors“, dann wird das bei diesem Krimi definitiv zur Leitlinie. Von der ersten Seite an ist „The Decagon House Murders“ eine Hommage an die Krimiklassiker des „Golden Age“. Allen voran Agatha Christie, die die Basisstruktur für diesen Locked Room-Krimi geliefert hat, mit „And then there were none / Und dann gabs keins mehr“. Auf der kleinen Insel Tsunijima vor der Küste wird sich eine Gruppe Studenten für eine Woche einrichten. Sie sind Mitglieder eines Mystery Clubs der Universität und reden sich konsequent mit ihren Spitznamen an: Ellery, Agatha, Carr, Orczy, Leroux, Van, und Poe.

Es lockt sie nicht nur das zehneckige Haus, das dem Buch den Namen gab. Vor etwa einem halben Jahr wurden die Einwohner der Insel ermordet und das Haupthaus ging in Flammen auf. Die leicht gruselige Atmospähre scheint genau das richtige für einen Mystery Club zu sein. Kaum angekommen, droht bereits ein Unbekannter, sie einen nach dem anderen umzubringen. Die Studenten, zunächst eher an einen üblen Scherz denkend, schrecken auf, als tatsächlich ein erstes Opfer auftaucht.

Zugleich gibt es bei Ayatsuji eine parallele Handlung auf dem Festland. Das ehemalige Clubmitglied Kawaminami erhält am Tag nach Abreise der Gruppe einen Drohbrief. Ihm und der Gruppe wird der Mord an Chiori vorgeworfen. Auch Chiori war einst Angehörige des Clubs und starb während einer Clubparty. Kawaminami stellt fest, dass auch andere so einen Brief erhalten haben. Er bittet seinen Freund Morisu, ein noch aktives Mitglied, um Hilfe, weil er sich große Sorgen macht.

Rätsel der Vergangenheit

Als die Studentengruppe als auch Kawaminami ihre Recherchen aufnehmen, beschäftigt sie natürlich jener Locked Room-Fall am meisten, der vor einem halben Jahr geschehen ist. Die Insel gehörte dem Architekten Seiji Nakamura, der dort zwei Besonderheiten realisiert hatte. Das zehneckige Haus sowie das Haupthaus Blue Mansion, in dem praktisch alles vom Fußboden bis zum Dach in Blau gehalten war. Nach dem Brand des Blue Mansion fand man vier Leichen: Nakamura und seine Frau Kazue sowie die beiden Hausangestellten. Der Gärtner, der kurz zuvor für seine regelmäßigen Pflegearbeiten auf die Insel gekommen war, blieb seither verschwunden. Könnte ihre Bedrohung mit diesem Fall zusammenhängen?

Während die Studentengruppe bei der Suche nach dem unbekannten Täter auf der Insel auf sich alleine gestellt ist, bekommt Kawaminami unerwartet Hilfe. Beim Bruder des verstorbenen Architekten trifft er auf Shimada. Der junge Mann schließt sich Kawakami und Morisu mit großer Neugier an und entpuppt sich als gewitzter Hobbydetektiv.

Große Referenzen und witzige Details

Freilich ist „The Decagon House Murders“ noch stärker konstruiert als der klassische Locked Room-Krimi. Nicht nur, weil der Autor mit zwei derartigen Fällen gleichzeitig experimentiert. Sondern eben auch, weil die Studenten mit Spitznamen arbeiten und in diesem Buch ausschließlich Charaktere auftreten, die ebenfalls jeweils mindestens einen Locked Room-Krimi geschrieben haben — und die meisten der referenzierten Figuren im Buch gehörten selbst einem Krimiclub an. Selbst die Figur des Shimada könnte eine Hommage sein, dieses Mal an einen zeitgenössischen Schriftsteller. Als Ayatsuji seine Geschichte schrieb, dürfte er „The Tokyo Zodiac Murders“ gekannt haben. Der Krimi von Souji Shimada aus dem Jahr 1981, ebenfalls ein Locked Room-Fall, gilt in Japan als Auslöser des „Shinhonkaku“-Genres, eines Krimibooms, der sich an den Klassikern des Golden Age orientierte.

Natürlich hatte auch Kawaminami zu seiner aktiven Zeit einen Spitznamen und Shimada trifft unwissentlich ins Schwarze, als er sich die Kanji des Nachnamens erklären lässt. 河南 liest er absichtlich nicht als „kawaminami“, sondern als „kōnan“, was die beiden Kanji ebenfalls zulassen. Die Rollenverteilung stellt Ayatsuji in diesem Gespann allerdings auf den Kopf. Der Student ist viel mehr der Watson für den wirklich aufmerksamen Shimada.

Einmal noch: Mitraten

„The Decagon House Murders“ folgt streng den Genre-Regeln. Da fällt kein Verdächtiger vom Himmel, alle Hinweise sind im Buch zu finden und dumme Zufälle, die zur Lösung führen, gibt es keine. Und freilich wird alles ordentlich aufgeklärt. Während der Täter zu Beginn unerkannt sein Vorhaben in einem Monolog ankündigt, schlüsselt eine Epilog säuberlich auf, wie die Taten abgelaufen sind. Das Ende liefert allerdings zwei Überraschungen, die über die Struktur hinaus gehen. Die eine betrifft den Täter selbst, die andere Shimada. Der weiß offenbar etwas und nirgendwo steht, wie er drauf gekommen ist. Diese Aufgabe überlässt Yukito Ayatsuji dem Leser (das kenne ich doch irgendwo her?). Es sollte möglich sein, die Hinweise dazu stehen ja in der Geschichte.

Bibliografische Angaben

Verlag: Pushkin Vertigo
ISBN: 978-1-78227-634-0
Originaltitel: 十角館の殺人 (Jūkakukan no satsujin)
Erstveröffentlichung: 1987
Englische Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Ho-Ling Wong

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