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Jiro Taniguchi – Venedig

Wer hätte gedacht, dass man bei Louis Vuitton nicht nur Koffer oder Kleidung kaufen kann, sondern auch Bücher? Ich jedenfalls wusste es nicht. Zum Sortiment gehört unter anderem eine „Travel Book Serie“, in der bereits über zwei Dutzend Titel erschienen sind. Thematisch wechseln die Titel zwischen den entlegenen Osterinseln zu zahlreichen Städten, wie Paris, Edinburgh oder Prag, weiter zu ganzen Ländern, wie Marokko oder Mexiko, und wieder zurück zu entlegenen Orten: Auch die Arktis und der Mars gehören zum Fundus. Jedes Buch ist wie ein Bildband mit 100 bis 120 exklusiven Zeichnungen gestaltet, der die Begegnung der Illutrator:innen mit der Fremde einfängt. Sie alle arbeiten auf Einladung.

Für Venedig sprachen die Verantwortlichen Jiro Taniguchi an. Mit ihm hatte das Modehaus schon einmal für den City Guide zu Tokyo zusammen gearbeitet. Taniguchi bat um die Möglichkeit, wie bei seinen Manga eine kleine Hintergrundgeschichte einbauen zu dürfen — und er durfte. So doppelt er die Intention der Serie, „sowohl realen als auch virtuellen Charakter“ zu haben. Die Bücher werden durch die Kunstwerke Fiktion und Reise-Bildband in einem.

Auf den Spuren der Eltern

Taniguchi stellt einen jungen Mann vor, der Venedig auf den Spuren seiner Mutter und seiner Großeltern bereist. Nach dem Tod der Mutter findet er eine Schatulle voller Fotos und Zeichnungen aus Venedig und versucht, die Familiengeschichte zu entdecken. Die Geschichte hält der Zeichner sehr schlicht – sie kommt mit wenig Worten aus und wird hauptsächlich über die Bilder erzählt. Der Großvater seiner Hauptfigur hat in Venedig gelebt und gearbeitet und auf einigen Fotos ist auch seine Mutter als kleines Kind zu sehen. Tatsächlich wird er in der Stadt auch auf Spuren des Großvaters stoßen.

So kommt die Arbeit ihm als Manga-Zeichner entgegen, ohne das Konzept der Serie zu sprengen. „Venedig“ ist allerdings kein bisschen Manga. Das Buch besteht ausschließlich aus wunderbar detaillierten Aquarellen, die die Stimmung der Stadt und die Farben zu unterschiedlichen Tageszeiten einfangen. Dafür streifte Jiro Taniguchi tagelang durch die Lagunenstadt und schoss zahllose Fotos, aus denen er am Ende die Auswahl für seine Motive traf. Vermutlich hat er aus dem einen oder anderen ein bisschen was weggelassen: Sein Venedig durchstreifen natürlich die Touristen, doch sind es nie zuviele. Nur einmal wird er deutlich, was den touristischen Fluch in Venedig angeht, nämlich dann, als der Ausblick seiner Figur von einem gigantischen Kreuzfahrtschiff versperrt wird, das die alten Häuser am Kanal überragt.

Von großen Plätzen und kleinen Gässchen

„Venedig“ erinnert vom Aufbau an all jene Bücher Taniguchis mit herumlaufenden Männern. In „Der Gourmet„, „Der spazierende Mann“ oder auch „Der Kartograph“ gehen Männer durch die Straßen und entdecken die Gegend. Restaurants, kleine Straßenszenen, unbekannte Gässchen oder ein bisschen Zeit mit sich allein. Das bietet auch „Venedig“. Taniguchi wechselt ab zwischen mehreren kleinen Zeichnungen, die einen halben Tagesablauf erzählen, und teil zweiseitigen Querformaten, die großartige Panoramen einfangen.

So kommt ein Sortiment typischer Szenen zusammen, wie man sie in einem Bildband über die Stadt erwarten würde, gepaart mit persönlichen Momenten und immer geprägt durch einen wunderbaren Sinn fürs Detail. Es zeigt sich, dass Aquarelle nicht nur eine perfekte Möglichkeit sind, um Lichtstimmungen und Postkartenmotive einzufangen. Sie passen zur Wiedergabe der alten Fotografien des Großvaters, zu den Möven über den Kanälen oder zu Nebenszenen, wie dem Wochenmarkt oder einer Schüssel Suppe — wie könnte ein Taniguchi ohne Essen auskommen.

Das Buch wird ergänzt durch eine detaillierte Beschreibung aller Perspektiven und Orte in Venedig, die Jiro Taniguchi gemalt hat. Auch ein Nachwort steuert der Illustrator und Zeichner bei, in dem er die zweiwöchige Recherche vor Ort und die Arbeit am Buch beschreibt.

Bibliografische Angaben

Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-74419-7
Originaltitel: Venedig
Erstveröffentlichung: 2014
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Übersetzung: Jens Ossa

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